Für mehr schmutzige Hände! Who cares for you?

- eine Radikalkritik vom Standpunkt der Reproduktion –

Bemerkenswert ist, dass neben den vielen (General)Streiks und Kämpfen in und um Lohnarbeit zahlreiche andere Bilder und Kämpfe die Krisenlandschaft seit 2007 kennzeichnen. Kollektive Verhinderungen von Zwangsräumungen in Spanien; Platzbesetzungen in Athen und Madrid gegen die parlamentarische Herrschaft; Aufbau kollektiv, genossenschaftlicher Gesundheitszentren in Griechenland; Besetzungen und Schaffung von kulturellen Orten wie dem Teatro Valle in Rom. All diese Kämpfe in Südeuropa sind Kämpfe in und um Reproduktionsverhältnisse. Sie dienen als Wegweiser die gegenwärtige Krise nach ihren unsichtbaren Seiten zu befragen, sie eben nicht nur als eine Finanz- oder Schuldenkrise zu besprechen und um vor allem eine radikale Kritik – nicht zuletzt auch der politischen Ökonomie vornehmen zu können.
Reproduktionskrise beschreibt eine Krise der Reproduktion der Ware Arbeitskraft1, des Subjektes selbst. Akzeptanz findet die Verwendung des Krisenbegriffes häufig dann, wenn belegt ist, dass ein gewisses Phänomen eine Krise oder einen Widerspruch für das Kapital hervorruft. Wann dies der Fall ist, erklären uns beispielsweise die FreundInnen der Klassenlosen Gesellschaft in ak 580 kritisch, indem die gegenwärtige Krise eine Krise des Kapitals und des Staates sei, entscheidend also sei »die Spaltung der Linken in EtatistInnen und Antiautoritäre zu befördern«. Deren Kritik zielt auf vermeintlich verblendete Teile der radikalen Linken, die verkennen, dass die gegenwärtige Krise ein Moment der immanenten Logik und Sachzwänge der politischen Ökonomie ist. Das Kapital gerät periodisch in Krise und muss sich notwendig zulasten der Lohnabhängigen sanieren. Zustimmung gewinnen die FreundInnen meinerseits an dem Punkt, dass es um eine radikale Abschaffung des Lohnsystems gehen muss. Geschenkt ist ihre erste Kritik an Vorstellungen mit keynesianischen Regularien das System über den Haufen werfen zu können. Anerkennung sollte allerdings der kritische Einwurf der Leserin finden, dass die vorgetragene Kapital- und Krisenanalyse doch sehr zentriert auf am Ende doch: Lohnarbeitsverhältnisse ist. Keinerlei ‚Bemerkungen fanden die Zwangs- und Herrschaftsverhältnisse jenseits von Lohnarbeit, oder jene, die scharfe Ausbeutung durch Lohnarbeit häufig erst möglich machen. Real sozialstrukturelle Fakten, wie eine globale, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung bleiben unbeachtet. Vielleicht da man sich die Hände beim erneuten historischen Versuch die spezielle Vermittlung von Subjekt und Struktur radikal von links anzugehen und aufzubrechen zwangsläufig schmutzig macht. Und wie dies tun, wenn nicht an Interessen der Subalternen ansetzten, deren Mitglied mensch guter letzt doch selbst ist? Kein Wort verlieren die FreundInnen der Klassenlosen Gesellschaft zur Verfasstheit der Klasse(n) auch und speziell in der BRD. Sag mir wo du stehst? Her mit fundierten Klassenanalysen der gegenwärtigen Subalternen! Und wo bin ich darin?

Wenn festgestellt wird, dass „die proletarisierte Masse der Bevölkerung“ den Knüppel zu spüren bekomme da die Produktivkräfte weit entwickelt sind, verbleibt der Appell an praktische Konsequenzen zu denken und den Staat in der Kritik nicht zu vergessen doch verkürzt und eine alte Worthülle. Wenn es so ist, dass die Produktivkräfte- und dies reproduzieren wir alle Tag für Tag und genießen diesen Fortschritt – sehr weit entwickelt sind, so heißt es doch, dass all der Reichtum, den die fortgeschrittenen Produktivkräfte hervorbringen emanzipatorisch nach Bedürfnis und Notwendigkeit global umverteilt gehört! Derlei Umverteilungen können nicht institutionell geschehen, das hat Dario Azzelini ausgeführt (AK Nr. 581). Sind Institutionalisierungen nicht zu guter letzt verrechtlichte Materialisierungen, durch diese Form Bestandteil der Kapitalakkumulation aber dennoch ebenso Resultate der voran gegangenen außerparlamentarischen sozialen Auseinandersetzungen. Es muss um eine Verbindung und Vernetzung der Kämpfe von Unten, gehen, die sich nehmen, was ihnen zusteht. Beispielhaft hier die VioMe Fabrik in Thessaloniki, Griechenland. Arbeiter und GenossInnen, die selbstorganisiert in der besetzten Fabrik die Produktion wieder aufnehmen und es Diskussionen und Pläne darum gibt, wie man sich in die in den letzten Krisenjahren entstanden solidarischen Ökonomien in Thessaloniki und Griechenland einfügt. Trifft Produktion hier die Reproduktion? Viome produzieren Baumaterialien, wie Fugenkleber und anderes. Da es nun darum geht möglichst viel Material abzunehmen, um diesen selbstorganisierten Kampf zu unterstützen liegt hier viel internationalistisches Unterstützungspotential. Darüber hinaus sollten Bilder und reale Praxen hin zu einer bedürfnisgerechten Vergesellschaftung produziert werden. Durch und in kollektiven, widerständigen Praxen. Grenzüberschreitender Austausch von Erfahrungen, Versuche der kontinuierlichen Organisierungen über NoBorder Camps und – Netzwerke, M31 und Blockupy, die Agora99 und das social web sind schon Momente wodurch sich etwas wie eine konstituierende Macht mit transnationaler Perspektive europäisch und darüber hinaus erprobt und formiert. Es ist wichtig, dass all diese Bewegungen „auf das gesellschaftliche Imaginarium, auf Diskurse“ (Azzellini AK Nr. 581) einwirken und somit auf einen sozialen Transformationsprozess in der Krise. Selbstverständlich erachte ich es als notwendig sich in diese Prozesse als radikale Linke aus der BRD gehörig einzumischen. Darüber hinaus sind es unsere Stimmen, die aber, und hier würde ich Dario um erweiterte Betonung bitten, sagen wo die Reise mit diesen seltsamen TRANSFORMATIONSPROZESSEN hingehen soll: zum revolutionären Bruch oder der Lehre am Ende der Kritik der Religion nämlich „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“2

Wer Spaltungen derzeit als einzigen konkreten Vorschlag zu präsentieren hat, hat vergessen seine deutsche Brille abzusetzen. Verweisen nicht all die Bewegungen, Kämpfe, Krisen darauf, dass das Kapitalverhältnis oder Kapitalakkumulation mehr ist oder weiter begriffen werden sollte als jenes – die Lohnarbeit – die Mehrwert schafft? Und eröffnet diese Sicht nicht zahlreiche Perspektiven sich als Militante auch in der BRD einzumischen?

Und wir spielen alle mit…oder: ganz ungewollt mitten drin statt nur dabei
Der Begriff Reproduktionskrise versucht sich hingegen von zwei Seiten der Krise anzunähern: Wo gibt es Widersprüche und eine Krise des Kapitals; wie sieht die lebendige, subjektive Seite der Krise aus? Es braucht diesen linksradikalen, weiten Blick um eine militante Analyse und Praxis zu entwickeln. Widersprüchlichkeiten in der Reproduktion der Ware Arbeitskraft für das Kapital sind tendenziell durch das Engagement von mehrheitlich Frauen, »die allen Widrigkeiten zum Trotz ihre Familien reproduzieren«3 unsichtbar aber da. Möglicherweise ist diese Permanenz von Widersprüchlichkeit männlich- Sozialisierten weniger offensichtlich, genau wie die permanenten Grenzüberschreitungen an den Festungsmauern Europas für den Großteil der deutschen radikalen Linken nicht erfahrbar ist. Sozialstruktureller, gesellschaftlicher Druck lastet defacto unterschiedlich stark auf unseren Schultern, nicht nur durch heteronormative Strukturierung von wohnen, arbeiten, versichert- und abgesichert sein, Politik machen und leben. Subjektive Krisenmomente drücken sich in der zunehmenden Schwierigkeit – und dies all gender – aus, nicht mehr nur zwanghaft auf der Suche nach Verdingung in Lohnarbeit zu sein, sondern überhaupt die eigene Arbeitskraft und sich selbst wiederherzustellen.4 Die radikalkritischen Fragen müssen aufhören nur die Theorie zu befragen und mit Zitaten aus Aufrufen zu zitieren. Fragend muss es vorwärts gehen. Scheitern? Ja, sicher immer wieder. Als Sozialrevollutionärin leitet mich doch aber Passion und die Selbstermächtigung denn ich lebe, arbeite und demnach handele im Hier & Jetzt!

Wie wohne ich, wie arbeite ich die nächsten 12 Monate, Wer zahlt die Stromrechnung wenn sie kommt, Wer kocht das Essen heute Abend? Durch prekäre und neoliberale Lohnarbeitsverhältnisse, Abbau staatlicher Leistungen, öffentlicher Daseinsvorsorgen, Abbau freier Bildung, Privatisierungen etc. verschränken sich diese subjektiven Konflikte mit einer allgemeinen Krise gesellschaftlicher Reproduktion, wie dem Abbau sozialstaatlicher Sicherungssysteme oder öffentlichen Verkehrssystemen. Somit bezieht sich die Verwendung des Krisenbegriffes auf einen Widerspruch zwischen der Profitmaximierung des Kapitals und der Reproduktion der Ware Arbeitskraft und des Subjekts selbst. Die Verzahnung von Produktion und Reproduktion ist massiv gestört. Gabriele Winker zeigt, dass Reproduktionsmodelle in Krise geraten können, welche dank des patriarchalen Staates, der überall sozial spaltet, so organisiert sind, dass kapitalistische Vergesellschaftungsformationen funktionieren – wie wir wissen nicht reibungslos, aber dennoch funktionieren. Dass diese Störungen großflächig und global sind, zeigen die massenhaften gesellschaftlichen Selbstorganisierungen von Wohnraum, wie durch die Alexis Besetzungen in Rom im Dezember 2012 5, Gesundheit: zahlreiche Gesundheitszentren entstehen in Griechenland. Diese sind unterschiedlich in ihrer politischen Ausrichtung6: vom solidarischen Gesundheitszentrum in Thessaloniki, die sich aus dem Hungerstreik der MigrantInnen heraus organisierten und welche jegliche Vereinnahmung von institutioneller Seite abweisen, über die Syriza Gesundheitszentren, bis eben auch in rechtspopulistische und wie in Griechenland schmerzlich mitzuverfolgen neofaschistische Versuche.

Wenn über ein Drittel (das sind die offiziellen Zahlen) der griechischen Gesellschaft nicht mehr versichert ist, dann spielt es für die Menschen weniger eine Rolle nun die »richtige« Krisenanalyse zu haben, sondern es geht um die Praxis konkreter Militanz durch Vergesellschaftung von der Basis. Projekte, die in Griechenland aus dem Boden sprießen, wie alternativer Milchhandel oder Konsumformen, werden, weil sie dort stattfinden, aus deutscher Perspektive gelobt, würden sie doch hier als reformistische, nationalistische Politik abgetan. Neben der Suche nach der wahren Krisenanalyse von Teilen der radikalen Linken zwingen die Kämpfe jenseits deutscher Grenzen nach der Inblicknahme unsichtbarer Verhältnisse. Entlohnte und Unentlohnte Reproduktionsarbeiten müssen in den Blick genommen, werden, um einen radikalen Standpunkt in dieser Krise einzunehmen.7 Vor allem um eine Strategie und Taktik bestimmen zu können, die nationale Grenzen und Lohnarbeitsfetisch sprengen. Zudem bedarf es handlungsfähige Organisierung(en) – nicht zuletzt um die Krisenlandschaft nicht den FaschistInnen zu überlassen.

Strategie muss sich aus einer Analyse der Zusammensetzung der Subalternen, deren Teil wir selber sind, ergeben sowie einer radikalen Kapital- und Krisenanalyse. Die Kämpfe in Europa machen deutlich, dass das Kapital in Krise ist: in den Lohnarbeitskämpfen, in den vielen kleinen Brandherden in den Reproduktionsverhältnissen – den Lebensverhältnissen – und nicht zuletzt in den Massenprotesten gegen die EU- Krisenprojekte des Schnellzugstreckenbaus TAV in Norditalien und dem Eldorado- Gold- Projekt zum Ausbau der Goldminen in Nordgriechenland Chalkidiki. Letztere setzen klare Zeichen gegen die kapitalistische Zerstörung natürlicher Ressourcen und Lebensraum. Die Kämpfe um Wohnraum//Gesundheit//Bildung und gegen die weitere kapitalistische Zerstörung der Natur offenbaren die Krise der Reproduktion des Kapitals. Natürliche Ressourcen sowie unentlohnte Reproduktionsarbeiten sind ihrer Form nach nicht unendlich kapitalistisch in Wert setzbar. Das Feuer der derzeitigen Krise zehrt sich zu großem Teil aus diesem Brandherd.

Für mehr schmutzige Hände im Handgemenge.
Eine Strategiedebatte sollte radikal das Öffentliche ins Zentrum stellen und damit die Frage nach den Beni Comuni den gesellschaftlichen Gemeingütern. Eine Strategie die im Süden praktiziert wird und radikal private Eigentumsverhältnisse in Frage stellt. Dies könnte in einem Organisierungsprozess geschehen, sprich sich zu vernetzen und solidarisch verschiedene Kapazitäten zusammen zu bringen. Konsens und Konflikt sollen uns begleiten. Und dies sowohl nach Innen, in unsere Gruppendiskussionen und Prozesse, als auch nach Außen. Der Kapitalismus ist die Krise – Auch in unserem Alltag! Demnach sind auch unsere politischen Organisierungen, unsere Lebens- und Arbeitsverhältnisse nicht frei von Widersprüchen. Die radikale Linke in all ihren verschiedenen Farben sollte sich erproben und sich kollektiv in diese Widersprüche begeben nach innen und außen, bewußt ihrer Geschicht(en) und ständig nach Konsens und Konflikt suchen, um vorwärts zu kommen. Eine Debatte beispielsweise um die Forderung nach Kindergartenplätzen in der BRD- Linken würde gut tun. Ein spannendes Feld, um sich endlich in kritische Selbstbefragung mit den ostdeutschen GenossInnen zu begeben. Gerade um sich im Standpunkt kollektiv zu radikalisieren. Genug Zündstoff für den Konflikt ist da, wenn es nicht Konsens ist, dass das Thema der Grundsicherung ,die selbstverständlich bedingungslos sein muss, wenn man sie schon fordert, auf die Tagesordnung sozialrevolutionärer Organisierungen gehört und frau hingegen dem Vorwurf des Reformismus und Konservatismus ihren subjektiven Standpunkt vor Genossen einklagen muss, und ihre Bedingungen rechtfertigen muss, in die sie nun eben als Mensch ungefragt hineingeboren wurde.
Azzelini konstatierte, dass die Demokratie und Partizipation global in den Kämpfen der letzten Jahre als Bedürfnisse Ausdruck fanden. Ich halte fest, dass die Frage nach den – unseren – Bedürfnissen, eine leitende sein sollte in der Erprobung neuer Praxen gegen die Troika, gegen deren Europa, gegen das Kommando des Kapitals. „Die Autonomie der Bewegungen definiert sich nicht über die Ablehnung staatlicher Finanzierung oder Anerkennung. Vielmehr kommt es darauf an, inwieweit die Bewegungen ihre Autonomie in Organisation, Diskussion, Entscheidung und Agenda behalten und die eigenen Energien in den Aufbau von autonomen Strukturen der Selbstorganisierung und Selbstverwaltung investieren.“ (Azzellini AK Nr. 581) Wie es heute schaffen in kritischer Reflektion unserer eigenen (autonomen) Geschicht(en) real tätig zu werden in Selbstorganisation ohne in selbtbezogenen Szene- Volxküchen zu versumpfen? Wie breit andere Vergesellschaftungsformen alltäglich werden lassen ohne dabei ernsthaft den Patriarch Vater Staat um Erlösung zu bitten, sondern auch die Staatsform als umkämpftes Feld begreifen? Antiautoriäre linksradikale Politik muss Realitäten schaffen und darüber in der Zivilgesellschaft wirkmächtig werden. Der Staat ist ein Teil dieser Zivilgesellschaft. Denn sind wir doch vor allem aus deutscher Perspektive mal ehrlich, wenn der Staat etwas Gutes hierzulande brachte, dann sind das diverse soziale Absicherungen. Und wie meinen wir dies anders zu vergesellschaften, anders zu organisieren?

- anna dohm –

  1. Vgl. Gabriele Winker: Erschöpfung des Sozialen. Luxemburg Nr.4/2012. S.6-13 [zurück]
  2. Marx, Karl (1844): Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. MEW 1, S. 385 [zurück]
  3. Silvia Federici: Aufstand aus der Küche. Münster 2012, S.24 [zurück]
  4. Für Deutschland und den zunehmenden Schwierigkeiten Erwartungen in Arbeits- und Lebenswelt gerecht zu werden: Kerstin Jürgens: Deutschland in der Reproduktionskrise. In: Leviathan ##/2010, 559-587 [zurück]
  5. Matteoni, Federica (2013): Centri Sociali gibt es genug! http://jungle-world.com/artikel/2013/03/46954.html [zurück]
  6. Guter Überblick im aktuellen Express 3/2013 Nadja Rakowitz: Austeritätspraxen. Über gesundheitliche Nebenwirkungen der Troika-Politik in Griechenland http://www.labournet.de/internationales/griechenland/griechische_schuldenkrise-griechenland/krise-gr-all/austeritatspraxen-nadja-rakowitz-uber-gesundheitliche-nebenwirkungen-der-troika-politik-in-griechenland/ [zurück]
  7. Gerda Maler (Gruppe dissident Marburg) beschrieb in ak 552 Reproduktions- und Carearbeiten als Versorge-, Vorsorge-, Fürsorge-, Entsorge-, Besorge- und Umsorgearbeit. [zurück]