Partisanin Giacomina Castagnetti „Wir bekommen nichts geschenkt und man muss wissen wo man hin will.“

- Gramsci schrieb in „Indifferenti“: Odio gli indifferenti. Credo come Federico Hebbel che „vivere vuol dire essere partigiani“- Ich hasse die Glüchgültigen. Wie F. Hebbel glaube ich, „dass leben heisst, PartisanIn zu sein. -

Aus einem Interview im Februar 2011 mit Giacomina Castagnetti.

Beginnen wir damit, dass du uns ein wenig erzählst wie deine familiäre Situation als Kind und als Mädchen unter dem Mussolini Regime war…

Ich bin am 11.November 1925 in einer bäuerlichen Familie geboren wurden. Das bedeutete, dass ein Patron uns ein Stück Land gab, wir es bearbeiteten und er sich dann eine Hälfte des Erarbeiteten nahm. Also musstest du immer für zwei arbeiten. Die Häuser von uns Bauern waren sehr weit voneinander entfernt, weshalb wir nicht viele Außenkontakte hatten und auch ein wenig isoliert aufwuchsen. Als ich auf die Welt kam, war mein Vater seit 3 Monaten tot. Meine Mutter hatte 8 Kinder alleine groß zu ziehen- 6 Jungen und 2 Mädchen. Zwischen meinen 6 großen Brüdern, wollte ich immer das Warum hinter allem verstehen wollen – vielleicht auch Dinge, die andere Kinder in meinem Alter noch nicht verstehen konnten.
Da wir weit draußen wohnten, musste ich jeden morgen 2km bis zur Schule laufen.
In den bäuerlichen Gebieten ging man nur bis zur 3. Klasse der Grundschule in die Schule, da es keine öffentlichen Verkehrsmittel gab, um in die anderen weiterführenden Schulen zu gelangen. Aber solange es Jungen in der Familie gab, gingen die männlichen Geschwister in die Schule, denn die Mädchen mussten zu ordentlichen, braven Ehefrauen für die Zukunft gemacht werden.
Im Winter, wenn man nicht draußen auf dem Land arbeiten konnte, schickte man mich zu den Nonnen. Bei den Nonnen lernten wir nicht wie die reichen Mädchen sticken. Uns lernten sie Hosen, Socken, Hemden zu stopfen. Denn das waren die Aufgaben einer braven Hausfrau. Das lernte man uns bei den Nonnen, nicht etwa das Lesen und das Schreiben. Und als junges Mädchen stellte man auch nicht die Frage, warum die Brüder in die Schule gingen um lesen und schreiben zu lernen.
Man begann mit 6- 7 Jahren zu arbeiten. Ich habe später gelesen, dass der Analphabetismus in dieser Zeit bei über 45% lag. Wir sind hier Anfang der 30er Jahre, genau dann als das faschistische Regime anfing über den Krieg und das Imperium zu denken.

Was waren für dich die Auslöser das Mussolini Regime in Frage zu stellen?

Ich begann nach dem Warum zu fragen, als ich noch in die Schule ging, also als ich klein war. In unserer Klasse hing ein großes Transparent mit Mussolini, welches erklärte, dass Mussolini immer Recht habe. Als ich nachhause kam und meinen Brüdern zuhörte, redeten diese komplett anders. Ich fragte mich warum? Das ganze multiplizierte sich, als wir zu Ostern auf den Platz gingen, wo alle Mädchen ein Geschenk bekamen. Aber ich habe nichts bekommen, weil ich nicht in der Organisation war und keine Uniform der „piccola italiana“ (Übers: „kleine Italienerin“) hatte. Ohne die Bedeutung dessen zu verstehen, war ich sehr wütend – ich denke das ist normal als Kind. Meine Mama erklärte mir, dass es kein Geld gab um mir die Sachen zu kaufen. Es kann sein,dass mich das ein wenig traurig machte, denn man wollte ja genauso zu den Anderen dazugehören. Später habe ich das Warum verstanden. Es war genau der Moment als Mussolini anfing die Jugend zu reglementieren – eine der hässlichsten Mechanismen des jungen Faschismus. Ab 3 Jahre wurde ein Kind in die Organisation figli della lupa („Kinder der Wölfin“) aufgenommen, dann in die Balilla und die Avanguardisti und ab 17 Jahren in die Giovane Fascista („faschistische Jugend“) wonach es dann kein Limit mehr bzgl.der Aufgaben innerhalb des fsachistischen Appartates mehr gab. Die Frauen und kleinen Mädchen, wurden zu piccole italiane und dann zu giovani italiane („junge Italienerinnen“) immer in Uniform. Alle sollten auf dem gleichen Weg bleiben, es sollte Niemanden geben, die anders denkt.
Und dann fing man an darüber zu reden, den italienischen Stiefel – das Imperium bis nach Afrika auszuweiten. Und ab da verstand man, dass die ganze Nation für den Krieg in Afrika vorbereitet wurde.Ich erinner‘ mich, als meine Mutter den Beitritt ihres Sohnes zum Krieg unterschreiben gehen musste. Wenn du das nicht gemacht hast, also deinen Sohn den Faschisten zu übergeben, warst du gebrandmarkt. Ich wusste nie wie viel Kraft sie das gekostet haben muss, denn sie hatte uns all die Jahre bis hierher alleine durchgebracht.
Eines Tages kam ein Faschist und erklärte wir müssen alle kommen um die Rede des duce zu hören. Es war im Jahr 1934. Meine Mama war die Familienernährerin und das Oberhaupt der Familie. Aber nach dem Recht konnte eine Frau nicht Oberhaupt der Familie sein, also gab es einen Tutor, der regelmäßig kam um nach uns zu schauen. Doch es war nicht er, der uns zu Essen brachte und für uns sorgte. Es war die Mama, die sich den Rücken kaputt machen musste, um uns was zu Essen zu organisieren. Aber nach dem Recht wurde unserer Mutter ihre Rolle als familiäres Oberhaupt nicht anerkannt. In anderen Funktionen musste sie aber durchaus diese Rolle wahrnehmen. Wir gingen dann also zum Patron um die Rede des duce zu hören. Ich war sehr aufgeregt, denn ich kannte kein Radio, da wir armen Leute so was nicht hatten. Ich hörte die Stimme, die von weit her kam. Als wir zurück gingen verstand ich erst den Ernst der Rede. In dieser ging es um den Anfang des Krieges in Afrika und meine Mama hatte Tränen in den Augen. Das verdeutlichte mir den Ernst der Lage und überschrieb die technische Begeisterung, die ich zuvor hatte.
In den nächsten Monaten gingen die Karten rum, um die Männer zum Krieg einzuziehen. Meine Mama hatte 6 Jungen. Und so kam auch bei uns eine dieser famosen rosafarbenen Karten – wie wir sie nannten- an, mein Bruder musste nach Bengasi in den Krieg ziehen und unsere Familie begann zu zerbrechen. Für mich dauerte der Krieg keine fünf Jahre, sondern er dauerte zehn Jahre. Alle mussten Alles bereit halten für den Krieg. Für uns war ein Topf ein elementarer Gegenstand, aber der Krieg sagte man müsse alles für den Zweck des Krieges opfern. Das schlimmste war, dass viele Menschen daran glaubten, dass uns der Krieg tatsächlich Wohlstand und Glück bescheren würde.
Im Winter trafen sich die bäuerlichen Familien in den Ställen. Das war das beheizte Wohnzimmer, dort war es warm. Das waren die Momente des Zusammenkommens. Ich erinner‘ mich mit einer großen Nostalgie an diese Tage und Momente in den Ställen, denn es kamen alle Freunde meiner Brüder und es wurde aus Büchern vorgelesen. Bücher gab es wenig, da die Faschisten sie auf den Plätzen verbrannten um zu zeigen, dass diese nicht der faschistischen Ideologie entsprachen. Einmal wurden Bücher vor dem Rathaus verbrannt und erklärt sie seien schlecht und hässlich. Und ich erinnere mich, als die Faschisten anfingen Häuser nach widerständigen, auffälligen Gegenständen zu durchsuchen, dass ich ein Buch meines Burders „Il padrone della ferriera“ unter einem Ziegelstein bis zum Ende des Krieges versteckte. Dieses Jahr haben mir meine Enkel dieses Buch geschenkt. Ich sage dir das, weil es mich sehr berührte.
Eines Abends im Stall wurde ernsthaft über Politik geredet und ich hörte zu. Sie sagten, dass der Krieg den armen Leuten niemals irgendetwas Gutes bringen würde. Das werde ich nie vergessen und ich habe diese Aussage bis heute immer mit mir getragen. Schon als Kind und bis heute sind diese Worte sehr erklärend für mich in meiner Denkweise. Es ist nicht so, dass ich alles verstand, aber durch diese Worte verstand ich warum meine Mama weinte.
Mein Bruder war immer ein Antifaschist. Ich hatte schon immer viele Fragen, denn zuhause wurde immer anders geredet, als in der Schule oder draußen. 1938 wurde mein Bruder festgenommen. Sie haben ihn mit ins Gefängnis genommen, haben ihn gefoltert und er kam halbtot wieder nachhause. Die nächsten zwei Jahre sollte er – ein junger Mann mit 28 Jahren- unter Spezialüberwachung bleiben. Er musste jeden abend um 6, halb7 zuhause sein.
Diese Zeit, war eine sehr hässliche Zeit. Meine Freundinnen kamen nicht mehr gerne zu uns nachhause, weil meine Familie gezeichnet war. Das tat sehr weh, wenn man so klein ist und deine Freundinnen nicht mehr zu dir kommen wollen oder dürfen.

Welcher war für dich der Punkt, als du dachtest ich muss mich organisieren, etwas machen, rebellieren?

Die Patronin wollte keine antifaschistische Familie haben, also mussten wir mit 15 Personen ein neues Zuhause suchen. Wir fanden ein neues Haus, ca. 15- 20km von unserem alten entfernt. Ich war 14, es war das Jahr 1939 und ich war sowieso schon wütend. In diesem Jahr starb auch meine Mama. Ich blieb da mit all meinen Brüdern. Ich war kein trauriges Mädchen. Ich war die Jüngste und wir waren eine harmonische Familie. Es waren die externen Gegebenheiten dieser Zeit, die mich traurig und bedenklich stimmten. Als wir unser neues Zuhause bezogen wussten die Leute schon wer wir waren. Dann kamen eines Tages zwei Leute – älter als ich- , die mich fragten, ob ich den Namen der Kommunistischen Partei Italiens kennen würde. Sie fragten mich ob ich ihnen mit dem soccorso rosso helfen könnte. Der soccorso rosso war wichtig, denn der Faschismus hatte viele AntifaschistInnen festgenommen und draußen blieb nur ein kleines antifaschistisches Netzwerk über, welche zwar noch Kontakt hatten, aber es gestaltete sich natürlich schwierig unter der enormen Kontrolle zu agieren. Die Leute, die in den Gefängnissen saßen, hatten draußen Familien mit kleinen Kindern ohne jegliche Unterstützung. Also gingen wir los um etwas Geld für sie zu sammeln, damit deren Kinder zumindest die Möglichkeit hatten in die Schule zu gehen oder andere Dinge zu finanzieren. Sinn des soccorso rosso war es also eine solidarische Hilfestellung zu organisieren.

Wie wurde das klandestin organisiert?

Ich war 14/15 Jahre, klein und mager. Ich bin mit dem Rad umher gefahren und niemand rechnete damit, dass ich so was machen würde. Auch mir war das nicht so ganz klar – und das sag ich weil es wirklich so war. Mein Bruder sagte mir wo ich hingehen sollte und ich zog mit meinem Beutel los. Ich dachte nicht mal daran, dass dies so nützlich sei. Man denkt, wenn man so klein ist, nicht an solch große Dinge. Ja und dann 1939 begann der große Krieg.

Wann hast du realisiert, dass es einen Kampf bedarf, ein Kampf der Frauen?

Eine realistische Tatsache, war die Basis all dessen. Wo waren all die Männer? Im Krieg. Und wer ist zuhause geblieben mit den Kindern? Die Frauen begannen mit einer sehr wichtigen Aufgabe. Wir lernten das Land zu bestellen, davor machten das die Männer. Wir lernten wann zu sähen ist, wann man ernten und verkaufen muss. Als der Krieg begann stürzte sich der Faschismus noch viel mehr auf all die Familien. Es ging alles an das Regime. Uns wurde der Weizen säckeweise weg getragen. Man ließ zwei Doppelzentner für die Männer und einen für die Frauen. Dann kam die Ausweiskarte. Das war sehr diskriminierend. Die Männer bekamen mehr als Frauen und Kinder zu essen. Frauen und Kinder gleich viel. Dabei waren es die Frauen die den ganzen Tag arbeiteten. Das ganze Gewicht der Familien lag auf den Schultern der Frauen. Alles ging auf die Kosten von uns Frauen.
Der duce brauchte produktive Fabriken. Also gingen viele Frauen in die Fabrik zum arbeiten. Tagelöhnerinnen gingen dahin, weil sie Hunger hatten.Das war der erste Schritt, denn als die Frauen in die Fabriken gingen um zu arbeiten, verstanden sie, dass sie im Stande waren viele Dinge zu verrichten und nicht nur die Mutter und Hausfrau zu sein. Und als der Lohn Ende des Monats kam, erfolgte die Erkenntnis, dass sie mit ihrer Arbeit die Familie ernähren konnte. Es hört sich vielleicht etwas moralisch an, aber man merkte, dass man etwas ‚zählte‘. In den Fabriken gab es nur einen Chef, also gab es viele Möglichkeiten sich zu organisieren und zu kämpfen. In den Fabriken konnte somit viel konzipiert werden für den Widerstand. Denn wenn es um die Arbeit geht, um die Ernährung der Familie kennen Frauen keine Grenzen. Sie haben eine unglaubliche Organisationsfähigkeit. Die Frau weiß sich zu organisieren, denn eine Familie zu organisieren ist sehr wichtig und bedarf sehr viel Organisationstalent.

Dann war dies also auch ein Moment eines neuen Bewusstseins für die Frau?

Ja, genau das war es. Ein neues Bewusstsein und das muss gesagt sein, war elementar.

Wie ging es weiter?

1941 kam das Todestelegramm eines unserer Jungen an. Er war 23. Ich erzähle hier was mir passierte, aber es ist ein Spiegel für das was tausenden von Familien passierte. Neben dem Hunger, stieg Hass und Wut in einem auf. Man fragte sich: Warum all das? Warum entscheiden zwei bis drei Männer, die sich vornahmen eine Achse zwischen Berlin- Rom- Tokio zu kreieren über all die anderen?

Als ich vor kurzer Zeit in Reggio Emilia sprach, fiel mir ein, dass eine Jüdin, die noch immer lebt sagte, dass dies in dieser Zeit der größte Friedhof der Welt war. Die Menschen starben in Afrika, in Griechenland, in Russland, in den Konzentrationslagern- überall. Und all das, weil diese 3 Menschen es schafften Massen von ihrer Verrücktheit zu überzeugen und zu organisieren. Und halten wir das fest; sie waren verrückt und trotzdem sind ihnen Millionen von Menschen gefolgt: Millionen! Und das merken wir uns! Heute – mit historischem Abstand- sagen wir sie sind verrückt, aber als Mussolini in Rom fragte „Wollt ihr den Krieg?“, bejahten dies die Leute jubelnd.
Ich sage diese Dinge heute, und unterstreiche sie, denn wir müssen verstehen, dass 50 Millionen Menschen in diesem Krieg gestorben sind, wegen solch eines Wahns.
Veronesi, ein Arzt der älter ist als ich, sagte; Hitler, Mussolini, Franco, -den aus Tokio kann ich nicht aussprechen- sind alles Männer. Wenn da Frauen gewesen wären, wäre dies nicht geschehen!
Ich bin keine Feministin. Ich sage wir müssen alle zusammen kämpfen. Aber der Veronesi hat Recht.

Sagst du der Feminismus ist ausschließlich ein Kampf der Frau?

Nein der Feminismus ist nicht nur ein Kampf der Frau. Eine Demokratie muss mit allen voran gehen. Es müssen alle gemeinsam kämpfen. Sagen wir es so: die Frauen haben einige körperliche Besonder- und Eigenheiten, sie sind die Mütter. Und die Gesellschaft muss sich dieser Besonderheiten bewusst sein. Eine demokratische, von mir gewollte Gesellschaft, muss sich der Besonderheit der Frau bewusst sein. Aber das waren zu diesem Zeitpunkt nicht meine elementaren Gedanken und Wünsche.

Das was mich anspornte war der 8. September 1943, als der Krieg für beendet erklärt wurde. Ich spürte, dass etwas getan werden musste. Glücklicherweise ging das nicht nur mir so, denn es gab kleine sich organisierende AntifaschistInnenkreise. Man darf nicht vergessen, dass wir alle müde waren, wir wollten, dass der Krieg vorbei ginge. Es war der Punkt an dem wir merkten, dass wir handeln müssen. Viele Soldaten kehrten zurück nach Italien. Italien war nach der Flucht des Königs und der Verhaftung Mussolinis in Niemands Hand. Die Soldaten bekamen keine Befehle, also kamen sie zurück in ihre Heimat. Und wen fanden sie dort? Die Deutschen. Ein Tag vorher waren sie noch Freunde, doch als sie ankamen waren sie Feinde. Man muss festhalten, dass die jungen Männer innerhalb von 24 Stunden eine wichtige Entscheidung treffen mussten: entweder in die Berge gehen und rebellieren oder geschnappt und nach Deutschland deportiert werden, um für den Krieg zu arbeiten. Die Frauen verstanden diese Sache. Wir fanden die jungen Männer und organisierten uns um ihnen zu helfen, sie zu verstecken oder ihnen zivile Kleidung zu geben. Mit dem wenigen was die Frauen hatten gingen sie los um zu helfen.Da war sie die Sensibilität der Frau ohne lange überlegen zu müssen. Man organisierte sich gegen die vielleicht größte Armee Europas- ja vielleicht der Welt. Niemand bedachte groß das Risiko, sondern es wurde gehandelt. Ab da begann ich stafette (Übers.: Botin) zu werden. Das wurde zur Normalität. Doch als man sich in die Berge aufmachte, fand man dort keine Kaserne, keine Mensa, wo man essen konnte, man hatte auch keine Kleidung um im Winter in die Berge zu gehen. Es musste alles neu organisiert werden.
Wisst ihr was Klandestinität bedeutet?
Eine Person allein schafft es nicht klandestin zu leben. Das geht nicht. Man braucht viele Sachen. Und sie in den Bergen wollten nicht einfach abwarten und sterben. Sie wollten, dass der Krieg endlich aufhöre. Das war der Wille und Anspruch vieler Männer und Frauen – und das war der Sieg der klandestinen Bewegung. Alle wollten handeln um des Kriegsendewillens und damit fand man eine Einheit, eine Atmosphäre die uns im Kampf beschützte.

Was waren deine Aufgaben?

Wir als Botinnen bewegten uns hin und her und hofften, dass man uns nicht entdeckte. Man brauchte Sachen, Essen für die PartisanInnen in den Bergen. Dann nach der Spontanität des 8. Septembers brauchte man eine Organisierung um zu entscheiden, wie es weiter gehen sollte und daraus entstanden die Gruppi della difesa della donna (Übers.: Gruppen zur Verteidigung der Frau) und ich hatte ein großes Einzugsgebiet und wir gingen los um die Familien nach Mehl, Sachen, Essen und anderen Dingen zu fragen. Paterlini schrieb in seinem Buch, dass wenn es die Frauen nicht gegeben hätte, es auch die Befreiung so nicht hätte geben können.
Dann wurde es natürlich auch für uns schwierig, denn die Faschisten verstanden die Rolle der Frau. Sie nahmen uns fest oder hielten uns an. Ich war mit dem Fahrrad 8 km von zuhause entfernt unterwegs, als sie mich anhielten und mir mein Rad wegnahmen. Wir haben uns sehr seriös verhalten. Sie sagten, wir dürften hier nun nicht mehr weiter durch. Nur um zu veranschaulichen wie schwierig es auch für uns Frauen als Botinnen war.

Aber man hört und liest nicht viel davon, dass Frauen verhaftet wurden oder was da passierte?

Es gibt ein paar wenige Aufzeichnungen. Für die Frauen in den Gefängnissen war das schrecklich. Die Malavasi1 erzählte mal von einer Frau, der sie im Gefängnis ihr Kind wegnahmen. Eine andere Partisanin überlebte alle Foltermethoden, mit den Hunden und alles. Die Folter an der Frau ist gräßlich, da sie die Intimität der Frau zerstörte. Es gab auch viele Tote und Erschossene Frauen. Viele Frauen, die ich nach dem Krieg kennenlernte litten an Folgeschäden oder waren gebrandmarkt von der Zeit der Folter im Gefängnis. Aber keine Frau verriet uns.

Wie viele Frauen, die sich den Gruppen der Verteidigung der Frau anschloßen wart ihr in deiner Region?

Man redet von ungefähr 9000, nicht allein in meiner Region sondern in unserem Landkreis.Aber dieser Zahl unterliegt ein großer Fehler; PartisanInnen waren wenige, aber auch all die Familien, die den klandestinen Kampf eineinhalb Jahre, mit zwei Wintern dazwischen unterstützen trugen enorm viel zu dem Kampf bei.

Warum war der Widerstand, vor allem auch der Frauen, in der Poebene so stark?

1944, als der Krieg einen bestimmten Rhythmus hatte, beteiligten sich auch die Frauen aus Bologna. Wir kannten die Gotik- Linie der Deutschen, die von einer Küste quer durchs Land zur anderen Küste führte und wir saßen ihnen direkt im Nacken. Ihr Plan war es hier in der Poebene Männer zum arbeiten in den Fabriken zu finden. Es begannen die Bombardierungen der Städte und so flüchteten die Leute aus den Städten aufs Land.
Als wir Frauen eine Kundgebung für Brot und Trinken organisierten, sollen wir nach Parterlini 2000 Frauen gewesen sein. Ich weiß nicht mehr wie viele wir waren. Normalerweise durften schon zwei Menschen nicht beieinander stehen, denn das wäre schon eine Versammlung gewesen. Man musste immer alleine gehen. Außerhalb der Stadt verabredeten wir uns und trafen uns vor dem Amt des Präfekten, wo heute der Corso Garibaldi und das Landratsamt ist. Dort trafen wir uns -alles über Mund-zu-Mund Propaganda. Nicht wie heute, wo man das ins Internet setzt oder per Handy weitergibt. Wir haben uns dort in 2000 zusammengefunden und man bedenke, was dies für eine Arbeit, klandestine, stumme Organisierung voraussetzte. Hier wurde deutlich: ein Stückchen Brot ist Politik- das ganze Leben, jeden Tag ist Politik!
Es ist nicht so, dass wir PartisanInnen waren und nicht daran dachten was danach geschehen sollte. Es gab politische Kommissare und eines Tages kam einer der Kommissare zu einer unserer Frauenversammlungen. Wir überlegten, wie wir dieses Zusammentreffen organisieren könnten ohne unsere Familien zu gefährden. Also trafen wir uns zu fünft oder sechst (die älteste war zwischen 22 und 26) unter einem Baum. Wir hatten eine starke Willenskraft wichtige Dinge zu tun. Und dann begann der Kommissar wichtige Worte an uns zu richten. Er sagte, dass die Frau zur vollen Bürgerin werden müsse, mit gleichen Rechten wie die Männer, ausgestattet mit dem Wahlrecht und das wir dafür zu kämpfen haben werden. Das sei der Weg der Emanzipation und der erste wichtige Schritt in diese Richtung, sei es den Krieg zu beenden. Danach würde der Kampf weitergehen.
Das war für mich ein sehr wichtiger Tag. Ich war 18 und nun eröffnete sich der Blick in die Zukunft. Ich hörte an diesem Tag das erste Mal von einer Demokratie, in der die Frau die gleichen Rechte haben würde, und dass dies der erste Schritt für eine demokratische, soziale Gesellschaft sein müsse: das Wahlrecht zu bekommen.

Was geschah mit dir, als der Krieg vorbei war?

Meine Familie war verwüstet wurden: wir hatten zwei Tote und einen politischen Gefangenen zu beklagen. Dann kam der Tag der Befreiung und ich erinner mich eigentlich an nichts mehr. Wir verblieben drei Tage um die Deutschen bei ihrem Rückzug zu beobachten. Unser Haus lag über einer Militärstraße, die nach Bologna führte. Ich beobachtete die Deutschen Wagen, die voll mit Verletzten und Toten wegfuhren. Das war übel mit anzusehen. Drei Tage lang passierten diese deutschen Wagen voll mit Verletzten mit einer Totenstille und hinterließen nur Rauch. Es war ein nicht enden wollender Fluss von Soldaten, die Richtung Deutschland zurück kehren wollten.
Als die Wagen mit den weißen Fahnen vorüber gefahren waren, ging ich in mein Zimmer und öffnete die Fenster. Seit 5 Jahren durfte man die Fenster nicht mehr aufmachen. Nach Sieben Uhr abends durfte man kein Licht mehr wegen möglicher Bombardierungen anmachen. Das schlimme am Krieg ist, dass nicht nur an der Front gebombt wird. Es war ein Krieg der Frauen, der Kinder, der Familien, denn im Krieg wird alles zerbombt.
Das ist das was ich vom Tag der Befreiung noch weiß.

Und wie ging es mit den Organisationen weiter?

Danach haben wir uns getroffen. Ich habe die Kette meiner Verantwortung nie reißen lassen. Ich wurde Stadträtin und das war erst schrecklich, denn ich wusste nichts von Administration und all dem Offiziellen. Aber als ich vor die Türe trat und wusste, dass da viele Frauen waren, die mich gewählt hatten, bekam ich Mut weiter für die Verteidigung der Frau zu kämpfen. 1948 wurde ich vor einer Fabrik festgenommen. Wir gingen dahin um die Arbeiter bei ihrem Lohnkampf zu unterstützen. Die Chefs nutzten den Hunger, und den Arbeitswillen der Leute aus. Denn wenn ein Arbeiter etwas nicht richtig machte, drohte der Chef mit Rausschmiss und dass draußen ja noch viele andere warten würden. Ich ging da hin um zu helfen und wurde verhaftet. Und da verstand ich, dass man niemals aufhören kann sich aufmerksam umzuschauen, Verantwortung wahrzunehmen und mit dem Kopf voran zugehen.

Wie ging es nach dem Krieg mit den Frauengruppen weiter?

Wir gründeten die Union der Frau (Unione Donne Italiane), die dann eine richtige Organisation wurde, in der zusammen mit den Männern für die Rechte der Frau gekämpft wurde. In den 50ern zog ich in die Berge. Hier war die Situation nochmal ganz anders als unten in der Stadt. Es gab keine Straßen und so ging ich zu Fuß von Dorf zu Dorf um mit den Frauen dort zu sprechen. Ich sprach mit ihnen über die Rechte der Frauen, denn es gab Frauen, die nicht von ihren Chefs bezahlt wurden. Dann kämpften wir in den Bergen um Wasser. Die Frauen mussten noch zu Fuß runter zum Fluß, um zu waschen. Also erkämpften wir, dass es in der Nähe der Häuser eine Waschstelle gab und hier trafen sich die Frauen beim Wasser holen und quatschten. Unsere Organisation war sehr wichtig für mich. Ich arbeitete viele Jahre für die Union und hatte 11 Komunen in meiner Verantwortung.

Ist für dich der antifaschistische Widerstand die Wurzel der Emanzipation der Frau in Italien?

Ja, aber die Entwicklung war nicht nur der Befreiungskampf. Die Frau emanzipierte sich auch im Haus, mit den Aufgaben der Familie im Krieg. Ihr wurde ihre gesellschaftliche Rolle und Bedeutsamkeit im Krieg bewusst. Ich sah vorher viele Frauen, die am Feuer in der Küche aßen, während die Männer bei Tische saßen und aßen. Es wurde klar, dass Emanzipation ein Kampf bedeutet, in dem man für sich selbst und seine Würde kämpft. Die Emanzipation begann damit, dass die Frau selbst bestimmte was sie macht, weil es ihr Weg ist.

Wenn man hier in Italien vom Widerstand redet dann wird davon gesprochen, dass die Frauen ‚nur‘ stafette also Botinnen waren, ist das eine sprachliche Unterbewertung im historischen Diskurs?

Ja ich spielte eine andere Rolle als die Malavasia, die in die Berge ging und kämpfte. Wir kämpften unten gegen die Gewohnheiten, gegen die ständige Angst vor den Faschisten. Man musste gegen die familiären und sozialen Gewohnheiten kämpfen, wenn man das machte, was ich machte. Der größte Kampf war es, als Frau in der klandestinen Bewegung mit zu arbeiten und nebenbei das normale Leben weiter laufen zu lassen um nicht aufzufallen.

Der Widerstand der Frau in dieser Zeit ist eine Basis die zu verteidigen ist oder?

Wir sagen nicht, dass der Krieg alles emanzipiert hat. Nein. In den Konsequenzen des Krieges begann man die Rolle der Frau und ihre Wichtigkeit zu verstehen. Aber wenn du schaust wie ich früher lebte und wie wir heute 60jahre später leben, hat sich sehr viel verändert. All die technische und soziale Entwicklung, in welcher auch die Frau, als eigenständige Person, mit eigenem Kopf die Kapazität hatte sich einzumischen. Die Frau musste zwei Kämpfe leisten; einen sozialen, wie alle und einen der Frau.
Die Geschichte läuft nicht so, dass alles irgendwann mal gleich sein wird. Wir bekommen nichts geschenkt und man muss wissen wo man hin will. Ich erzähle meine Geschichte euch jungen Menschen, denn es ist nicht viel was wir getan haben, wir sind keine HeldInnen, aber das was wir wussten war, dass es Sinn macht uns zusammen zu tun und vorwärts zu gehen. Es ist keine einfache Zeit gerade. In Italien haben wir eine ultra- rechte Regierung die Angst macht, aber es sind wir, die die Geschichte in die Hand nehmen müssen.

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