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Vom Ausnahmezustand zur Organisierung des Gemeinsamen

Anna Dohm & John Malamatinas

Die Debatten der direktdemokratischen Basisbewegungen aus Nordgriechenland, die bei dem vierten Festival der direkten Demokratie in Thessaloniki vom 3.-6. September 2013 zusammen kamen, vermitteln einen Eindruck, wie sich Bewegungen gegen Austeritätspolitik in Stellung bringen. Es handelt sich nicht allein um Elendsverwaltung, sondern um Widerstand, Ermächtigung, Anerkennung und um Erprobung neuer Organisationsformen für die Zukunft. Nicht appellative Forderungen, sondern die Konstituierung grenzüberschreitender Gegenmacht sollte Perspektive einer antikapitalistischen Linken sein. Die griechischen Vergesellschaftungskämpfe um Bedürfnisse und Notwendigkeiten, organisiert, jenseits von Privateigentum und als Versuch die Krisenmaßnahmen auszuhebeln, könnten hierbei in Bezugnahme auf deren Klammer der Direkten Demokratie Anknüpfungspunkt für die Debatte Europäischer radikaler Linken werden.


I. Podium für das Gemeinsame

Unter dem Titel „Vom Ausnahmezustand zu der Konstituierung der Bewegungen“ wurde das mittlerweile vierte Festival der Direkten Demokratie durch ein Podium zur Aneignung und Selbstverwaltung der Commons eröffnet. TeilnehmerInnen waren die Bewegung 136 gegen die Wasserprivatisierung in Thessaloniki, die selbstverwaltete Fabrik VIO.ME, das Netzwerk für direkte Verteilung von Produkten ohne Zwischenhändler, und die lokal besetzte Sendeanstalt ET3 (Teil der von der Regierung geschlossenen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt ERT). Deren Kämpfe richten sich gegen die massiven individuellen Verelendungen, die mit den Privatisierungen als Teil der TROIKA- Maßnahmen und durch die Treuhandabwicklung einhergehen. Das frei zugängliche Gemeinsame, durch direktdemokratische Prozesse verwaltet und in permanenter Weiterentwicklung begriffen, ist der gemeinsame Nenner der alltäglichen Kämpfe und Versammlungen in Griechenland. Betont wird, dass es nicht um vermeintlich losgelöste, einzelne Inseln im Ozean des Kapitals geht, nicht nur um die Selbstverwaltung in der Gegenwart, sondern um die Frage und Erprobung direktdemokratischer Organisierung für die Zukunft.

Beispielhaft stößt die Bewegung 136 erstmals in Griechenland eine soziale Aneignungsinitiative der Wasserwerke an. -136- geht auf eine Kalkulation zurück, die besagt, dass alle Wasseruhren der Stadt aufkaufbar sind, wenn jeder Haushalt eine Wasseruhr für 136,00 € erwerben würde. Costas berichtet, dass die Wiederherstellung eines gewinnbringenden staatlichen Unternehmens nicht das Ziel der Bewegung sei, da sie in ihren Diskussionen um die Verwaltungsform, das „Wer“ und „Wie“ verwaltet wird, radikal in Frage stellen. „Wozu und für wen sollte die Wasserversorgung gewinnbringend sein?“ Für die Durchsetzung eines anderen Konzeptes bedarf es der Verknüpfungen mit anderen Bewegungen, wie in Thessaloniki die Versammlungen um eine sozial- ökologische Müllentsorgung und auf europäischer Ebene mit den Bewegungen gegen Wasserprivatisierung. Dies geschieht beispielsweise ansatzweise schon im Rahmen der Agora99, oder auch den alten Zusammenhängen des ESF (Europäisches SozialForum) und Alter Summit. Eine politische Brücke dieser realen Aneignungsversuche stellt sich zu den sozial-ökologischen Konflikten um die Großbauprojekte von Eldorado Gold – der Goldminen in Chalkidiki – und dem Ausbau der Schnellzugstrecke TAV in Norditalien, welche am letzten Festivaltag debattiert werden sollte.
Überregional ausgebaut werden sollen auch neue Formen der Produktion und der Distribution, wie sie das lokale Netzwerk der Produktion und Verteilung ohne Zwischenhändler*innen als „kontinuierlichen Ratschlag“ erproben. Gegen philanthropische Konzepte orientieren sich die Grundprinzipien des Netzwerks an den direktdemokratischen Entscheidungen in autonomen Strukturen und der taktischen Ausnutzung der existenten juristischen Rechtsgrundlage. Eine Kooperative ist hier die Form des organischen Zusammenhanges zwischen Produzent*innen, Verteiler*innen und Konsument*innen. Zentrales Prinzip ist das Vertrauen und die Selbstkontrolle zwischen Produzent*innen und Nutzer*innen, sowie der Nichtanerkennung der Marktpreise durch eigene Preisfestlegungen.

„Ein Samen, den wir säten und der nun ein Pflänzchen geworden ist“ – so beschreibt Makis Anagnostou die Geschichte ihres Arbeitskampfes der Fabrik VIO.ME. 2011 beschloss die Vollversammlung der Arbeiter*innen trotz und wegen des Verschwindens der Chefetage mit 97,5 % Zustimmung die Fabrik zu behalten, um die Produktion selbstorganisiert weiter zu führen. Nach einem verlorenen Jahr des Paktierens auf institutioneller Ebene um ihre Belange, eröffneten sie im Februar 2013 die besetzte Fabrik und die neue Produktion. Mit einem Modell und einer Idee von Produktion, die zuallererst eine Ermächtigung und Widersetzung gegen autoritäre Krisenverarbeitung bedeutete, sich vor allem aber bald auf den steinigen Weg begab, die realen Verkehrsformen bürgerlich, kapitalistischer Vergesellschaftung verlassen zu wollen.
Eine städtische Versammlung zur Unterstützung von VIO.ME wurde zum Ort der Strategiebestimmung, Entscheidungsfindung und Verwaltung. Hier wurde öffentlich die Frage debattiert, was es an notwendigen Gütern bedarf, woraufhin die alte Produktionslinie von Baumaterialien im Frühjahr auf die Produktion von Haushaltswaren zur Reinigung umgestellt wurde. „Die Umstellung der Produktion war für uns kein Rückschlag, denn wir sind unserer Idee näher gekommen: Es geht nicht nur um die Frage unserer Arbeit, sondern um gesamtgesellschaftliche Fragen und Notwendigkeiten.“ berichtet Makis. Nun stellt sich die herausfordernde Debatte um die Distribution der Produkte, welche weder nach staatlich festgelegten Regeln, noch über den Markt, sondern über organisierte Netzwerke funktionieren kann. „Potenziell könnte unsere Produktion versechsfacht werden und mehr Leute könnten arbeiten. Wir brauchen Strukturen, um die Distribution außerhalb von Griechenland zu organisieren.“

Der Bericht aus der lokal besetzten Rundfunkanstalt ET3//ERT3 in Thessaloniki transportiert ein weiteres aussagekräftiges Bild zur Krise in Griechenland. Jannis (Syndikatsvertreter) erzählt, dass ihm zum Zeitpunkt der Einladung für das Festival nicht klar gewesen sei, in was für einem gravierenden Arbeitskampf sie sich befinden werden. Den Einsatz „des schwarzen Bildes“ – der Nichtsendung des Programms – deutet Jannis als beispielhaftes Experiment einer Inszenierung des Ausnahmezustandes gegen die Troika durch „eine Art Schocktherapie“ von Regierungsseite. Doch die gesellschaftliche Reaktion und die internationale Skandalisierung der Abschaltung der öffentlich-rechtlichen Sender überraschte die Regierung. Die Kontrolle über die Information deutet sich hierbei als ein weiteres stark umkämpftes Feld in Griechenlands bewegter Zivilgesellschaft ab. „Vor der Schließung haben wir unsere Arbeitskraft verkauft, nun geht es darum, die Information der Öffentlichkeit zu gewährleisten.“

Es zeichnet sich ab, dass die Abwicklung von Betrieben und staatlichem Eigentum durch Treuhand und Troika hier an Punkten auf starken Widerstand stößt und stoßen wird.Was heißt das für die Zukunft europäischer Austeritäspolitik, wenn die geforderten Reformen und Maßnahmen nicht umsetzbar sind, nicht funktionieren, blockiert sind? Die griechische Regierung ist dafür verantwortlich, dass eine Praxis der politischen Gewalt, welche jeden demokratischen Grundsätzen widerspricht, zum Alltag wird. In dem Vorschlag des Syndikats geht es beispielhaft nicht um die Besetzung allein, sondern um die Nutzung und die entscheidende soziale Frage der Verwaltung öffentlicher Presse. Dieser Kampf bringt Diskussionen und Streit auch zwischen den Kolleg*innen und auch zu anderen Sendern mit sich. In verschiedenen Vollversammlungen wurde beschlossen, dass nicht allein die Sicherung der Arbeitsplätze Ziel ist, sondern auch die Informierung über die vielen verschiedenen sozialen Krisenauseinandersetzungen gewährleistet sein muss, um diese bündeln zu können.

In der Disskusions- und Fragerunde nach den Inputs wurde die gemeinsame Perspektive der vier Initiativen betont. Zwar unterscheiden sie sich untereinander in ihrer Größe, „Radikalität“ oder Umsetzung doch arbeiten sie an einem gemeinsamen Ziel: Alternativen zum gegenwärtigen sozialen Angriff, welche die Gesellschaft gerade durchlebt realisierbar zu machen. Alle Initiativen waren sich in ihren Inputs einig, dass es sich derzeit nicht um einen kurzfristigen Angriff handelt, sondern die Durchsetzung eines Ausnahmezustandes, um sozial- ökonomische und politische Modelle, die im Norden Europas schon getestet worden sind, gegen gesellschaftlichen Widerstand zu installieren. Das Szenario, welches sich dabei aufbaut, erscheint mehr als ein Albtraum, der zur Realität wird. In der derzeitigen Phase der Krisenverarbeitung von Oben ist fast jedes Mittel, auch aus der Zeit der Militärdiktatur, wie das Aussetzen grundlegender Menschenrechte, recht. Schon als im Vorsommer 2011 die Polizeieinheiten den Syntagmaplatz, eingenommen durch die Empörten- Bewegung, stundenlang in Tränengas eintauchte und schließlich einen günstigen Moment abwartete, um das Protestcamp zu räumen, galten als erste Anzeichen. Es folgte eine Repressionswelle gegen soziale und besetzte Räume: Der Minister ‚zum Schutz des Bürgers‘ kündigte an bis zu 40 besetzte Projekte zu räumen und zögerte damit nicht lange. Gleichzeitig verschärften sich die staatlichen Maßnahmen gegen Geflüchtete. Entziehung des Aufenthaltstitels durch Verlust des Arbeitsplatzes in der Krise, rassistische Kontrollen, Verhaftungen und Bau von Abschiebelagern fanden nicht zuletzt durch die Propaganda der Goldene Morgenröte Eingang in die Regierungspolitik. Weiter brachen Zwangsverpflichtungen den Streik der U-Bahn- Mitarbeiter*innen und der Seearbeiter, bzw. verboten einen Streik der Lehrer*innen zur Abiturzeit im Frühsommer 2013 bevor er überhaupt angekündigt wurde – ein echter Präzedenzfall! Die Durchsetzung des schwarzen Bildschirms des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders ERT und die versuchte Kriminalisierung der ganzen Bewegung gegen die Goldminen unter dem Vorwand eine kriminelle Vereinigung gebildet zu haben, zeigen die Spitze des Eisbergs bzw. die vollkommene Durchsetzung eines permanenten Ausnahmezustands auf.

II. Direkte Demokratie konkret

Die Bewegungen in Griechenland könnten mit dem Slogan der Direkten Demokratie einen Vorschlag liefern und gemeinsamer Bezugspunkt für die radikale Linke sein. In der griechischen Antiautoritären Linken wird mit dem Begriff schon länger hantiert: von der Auseinandersetzung mit der Agoraidee der Direkten Demokratie im antiken Athen, der Pariser Kommune und dem Spanischen Bürgerkrieg bis hin zu den theoretischen Arbeiten von Cornelius Castoriadis (Philosoph und Ex-Mitglied der Gruppe „Socialisme ou Barbarie“), der als antistalinistischer Denker in der Nachkriegszeit mit der Theorie der Autonomie die Basis für die heutige antiautoritäre und anarchistische Bewegung lieferte. Medial bewirkte der Begriff Aufsehen im Rahmen der Empörten-Bewegung, die sich im Frühsommer 2011 in den Plätzen Griechenlands in Anlehnung an die Indignados-Bewegung in Spanien ausbreitete. Wir erinnern uns: bei der Bewegung in Spanien breitete sich schnell der Begriff „Real democracia Ya!“ aus. Im Gegensatz zu Spanien aber setzte sich auf den Plätzen Griechenlands nicht die Forderung nach „Realer Demokratie“ durch, sondern vor allem durch die Intervention linker und antiautoritärer Gruppen die Formel nach „Direkter Demokratie“. Und dies nicht als Forderung, sonder als schon praktizierende Vision, die direkt in Form von Vollversammlung und später Stadtteilversammlungen (in Anlehnung an die Versammlungen der Dezemberrevolte 2008) umgesetzt wurden. An vielen Orten dieser Gesellschaft in Bewegung zeigt sich eine starke Widersetzung gegen die Inszenierung und die Permanenz des Ausnahmezustandes in Form der ersten direktdemokratischen Verwaltungen des Gemeinsamen.

Was seitdem ein großer Teil der verschiedenen Bewegungen und Versammlungen in Griechenland betonen und was sich beispielhaft am VIO.ME Produkt veranschaulichen lässt ist, dass die Direkte Demokratie kein Ziel oder utopischen Gedanken darstellt, sondern als gegenwärtige Praxis & Idee zu verstehen ist. Durch ihre Praxen formen sich die theoretischen Bestimmungen, wie in den Diskussionen betont wird. Immer wieder taucht deutlich die Frage nach der sozialen Verwaltung anderer Vergesellschaftungsformen auf, die die verschiedenen Versammlungen verbindet und kapitalistische Bewegungsformen oder scheinbare Sphärentrennungen (z.B. Produktion/Reproduktion) zu überwinden sucht. Die direkte Demokratie, die sich durch Entscheidungsfindung und Diskussion um Praxen in ständigen offenen Versammlungen erprobt, ist somit als eine antikapitalistische Praxis zu verstehen und geht damit über den kapitalistisch bürgerlichen Demokratiebegriff hinaus. Die Direkte Demokratie beschreibt eine Organisations-, Diskussions-, und Verwaltungskultur der sozialen Reproduktion und Produktion also der gesellschaftlichen (Re)Produktionsverhältnisse nach Bedürfnis & Notwendigkeit. Am Beispiel der Stadt Thessaloniki erwies sich die Entwicklung der Debatte um Direkte Demokratie durch das Festival der Direkten Demokratie als einem der zentralen Schauplätze dieser Debatte als durchweg konkret. Während in den ersten Jahren der Krise die Direkte Demokratie lediglich als Entscheidungsmechanismus in Gruppen und Versammlungen erprobt wurde, hat sich durchdie soziale Zertrümmerung schnell die Notwendigkeit der Selbstorganisierung aufgezeigt. Im ersten Festivaljahr ging es auf den Podien im Schatten der Dezemberrevolte und des Krisenbeginns noch um die Analyse der herrschenden Verhältnisse und um ein noch vages Antasten an den Begriff der Direkten Demokratie. In den Folgejahren aber wurde es konkreter: Nicht die linken eingeladenen Stars und Sternchen waren mehr relevant, sondern eine konkrete Diskussion um solidarische Ökonomie, die Verknüpfung zu basisdemokratischen Prozessen und viel wichtiger das Vorantreiben der Vernetzung zwischen schon vorhandenen Initiativen. Parallel zu diesen Diskussionsentwicklungen haben sich die sozialen Bewegungen und Initiativen im Raum Thessaloniki rasch entwickelt und deren Verknüpfung untereinander bietet fast eine Vision der Zukunft. Auf Basis von Vollversammlungen wurden wirkliche soziale Zentren aufgebaut, die nicht mehr „nur“ als Ort des Widerstands dienen, sondern auch die notwendige sozialen Reproduktion bedienen. Diese soll mittels Aufbau von Kollektiven und Kooperativen abgesichert werden, indem das vermeintlich Private in den Vordergrund gestellt und somit beispielsweise alternative Kinderbetreuung angeboten wird. Außerdem sollen sich diese soziale Zentren mit anderen selbstorganisierten Initiativen verbinden: die soziale Arztpraxen, die auch Menschen ohne Versicherung behandeln, oder den Netzwerken ohne Zwischenhändler, von denen die Stadtteilläden Produkte beziehen können, Orte der Weiterbildung. Die Vision einer reellen gesellschaftlichen Gegenmacht wird in Thessaloniki stets umfangreicher, indem die Fragen des Gemeinsamen, wie der Wasserversorgung oder Müllentsorgung, in den Mittelpunkt rücken.

Wir schreiben hier von Prozessen, die in den letzten Jahren griechenlandweit einen großen Sprung gemacht haben. In Großstädten und Kleinstädten, in Dörfern und Inseln findet eine organisierte und gleichzeitig auch diffuse Selbstorganisierung statt. Von Landkooperativen bis Zeitbanken, von sozialen Zentren und Arztpraxen bis zu den Netzwerken ohne Zwischenhändler baut sich nicht nur eine alternative Wirtschaft im Schatten der Krise auf. Einerseits geht’s um konkretes Überleben, ohne Staat und ohne Vorgesetzten, zu denen das Vertrauen zerstört ist. Gleichzeitig werden Konsequenzen aus diesem zerstörten Verhältnis gezogen und das Leben und die gesellschaftliche, öffentliche Verwaltung werden in die eigene Hand genommen. Was zu Beginn der Krise also noch ein vages Hantieren mit dem Begriff der Direkten Demokratie war ist mittlerweile zu einem konstituierenden Prozess von Gegenmacht angewachsen, den es weiter voran zu treiben gilt, wie auch Aktivist*innen auf dem Festival betonten.

III. Europa Zerstören und neu Begründen durch die Direkte Demokratie

Was heißt es für die Zukunft europäischer Austeritäspolitik, wenn geforderte Reformen und Maßnahmen nicht umsetzbar sind, und an Punkten blockiert sind? Gegen die machtvollen Angriffe im Namen von Austerität und Troika irren bisher europaweit die linken und anti-autoritären Bewegungen fragend voran. Verschiedenste Netzwerke, Initiativen, Konferenzen und Aufrufe bewegen und mobilisieren mit ihrer Melodie und ihren Mitteln gegen die kapitalistische Krisenregulation(en). Institutionellere, außerparlamentarische und anti-autoritäre transnationale Netzwerke wachsen und begeben sich an verschiedenen Punkten in gemeinsame Suchbewegungen. Hierbei aktualisiert sich das alte Vermächtnis einer internationalistischen, antifaschistischen Bewegung gegen Kapital und Patriarchat und fordert unsere Solidarität zu den Genoss*innen und Kämpfen jenseits der deutschen Grenzen sowie derer, die den rassistischen Zugriffen innerhalb der BRD ausgesetzt sind. Eine Solidarität, die in den letzten Jahren wächst, sich aber nicht in Bekundungen oder finanzieller Unterstützung ergießt, sondern den Internationalismus und die antikapitalistische Idee lokal verankern muss. Antinationale/Internationalistische Praxis ist lokale Praxis.

Eine Bewegung für ein anderes Europa, aufeinander bezogen und zusammengesetzt aus verschiedenen antikapitalistischen und kapitalismuskritischen Strömungen, die nicht ‚nur‘ abwehrt sondern aneignet, Perspektiven und Praxen jenseits von Nationalstaat und Privateigentum entwickelt bildet sich bisher nicht ab. Auch ein linkes Spektrum, welches sich auf die Umsetzung von taktischen Maßnahmen der Umverteilung fokussiert, die allerdings über den nationalstaatlichen Rahmen hinaus gehen sollten, ist bisher nur allein auf europäischer Ebene nicht durchsetzungsfähig. Doch zahlreiche Bewegungen, mehr oder weniger verbindliche und vertrauensvolle Netzwerke entstanden aus den Platzbesetzungen der Empörten, #occupy, ja auch Kampagnen und Aktionstagen wie M31 und Blockupy. An vielen Orten finden Diskussionen verschiedenster Strömungen um ‚ein anderes Europa‘, Repression in Europa, den ‚konstituierenden Prozess‘, und um zahlreiche Manifeste gegen Kapitalismus und Krise statt, während, durch lokale Bündnisse oder Stadtteil- und Kiezversammlungen organisiert, um die soziale Reproduktion gerungen und gegen rassistische und reaktionäre Angriffe gekämpft wird. All diese Bewegungen richten sich, wenn auch nicht stets auf einander bezogen gegen die kapitalistische Krisenpolitik, die sich Austeritätspolitik schimpft. Sicher müssen und können sich nicht alle Strömungen aufeinander beziehen. Was es aber nun nach fünf Jahren des Angriffes bedarf sind die grenzüberschreitenden Inbezugnahmen auf verschiedene Praxen und Erprobungen um Perspektiven zu entwickeln. Es bedarf eine antikapitalistische, antifaschistische Front, die sich gegen das Diktat der Herrschenden richtet und die trotz aller Differenzen das Gemeinsame gegen Kapital & Patriarchat mobilisiert.

#Occupy, anarchistische und ‚radikalkritische‘ Spektren, suchten nicht nach Forderungen, weil in den Strukturen der bürgerlichen Repräsentationsdemokratie kein emanzipatorischer Ausweg zu finden sein wird (und somit der Ruf nach Echter Demokratie! global erhalte) Oder weil die permanente Negation in Wort und Tat die einzig wahre Waffe sei. Nein, es soll nun auch hier nicht ‚nur‘ um appellative Forderungen gehen, sondern die Entwicklung von grenzüberschreitender Gegenmacht. „Echte Demokratie – das geht nur ohne Kapitalismus“ ist seit 2 Jahren unsere Losung, doch mit dem Demokratiebegriff und dessen positive Besetzung haben wir unsere theoretischen Problem(chen). Eine theoretische Demokratiediskussion wäre an dieser Stelle zu ausufernd. Es sollte aber festgehalten werden, dass innerhalb der Verkehrsformen bürgerlich- kapitalistischer Demokratie kein Ausweg zu finden sein wird. Dennoch sind Begriffe wie auch gesellschaftliche Verhältnisse nichts Statisches, Unveränderbares. Weshalb kritische Kritiker*innen ausloten sollten, ob ein Bezug auf eine reale Praxis unter der Klammer der Direkten Demokratie im Effekt nicht radikaler sein könnte als eine zunächst abweisende Kritik um den Begriff der Demokratie. Europäischer Anknüpfungspunkt könnte außerdem auch der ‚konstituierenden Prozess‘ sein, der an manchen Orten heiß diskutiert, belächelt oder wie beim Septemberfestival der direkten Demokratie in Thessaloniki als gegenwärtige lokale Praxis beschrieben wird. Ein common sense, was sich da konstituieren soll (von Verfassung bis Gegenmacht), besteht dabei nicht auf europäischer Ebene nicht. Wir sind in einem Prozess und es bedarf die Konstituierung von einer antikapitalistischen Idee & Perspektive oder sind wir schon längst dabei genau dies zu tun? Beispielhaft könnten hier neben dem Podium auf dem Festival weitere Kämpfe um Commons und Vergesellschaftung aufgeführt werden, die diese Diskussionen befeuern sollten. Seien es die besetzten Kinos und Theater in Italien oder die angestoßenen Debatten und Kämpfe um die Rekommunalisierung von Energieversorgung. In der BRD wird sich mit diesen aus linksradikaler Perspektive vornehmlich theoretisch zur Strategiebestimmung auseinandergesetzt oder sie werden zum nächsten Objekt der Kritik. Es sollte nicht darum gehen diese Kämpfe aus einer „radikalen“ Perspektive in reformistisch, halbreformistisch oder kommunistisch einzustufen, sondern jedes dieser Projekte im Sinne der Konstituierung einer Bewegung, die die herrschende Ordnung in Frage stellt, zu beurteilen. Und dies nicht nur aus der recht gemütlichen Haltung gegenüber Bewegungen im Ausland, sondern eben auch auf deutscher Ebene, in den Städten, auf dem Land. So ist die selbstverwaltete Produktion und Distribution von VIO.ME vielleicht das Beispiel per Excellence wie im kleinen Rahmen mittels Vollversammlung direktdemokratische Prozesse eingesetzt und mittels der Solidaritätsversammlung und des Netzwerks ohne Zwischenhändler in einem größeren Rahmen eingeordnet werden können. Aber auch die Kämpfe mit mehr utopischen Überschuss wie um das Wasser Thessalonikis oder bei ET3, um die Selbstverwaltung der Medien, sind mit all ihren „reformistischen Problemchen“ enorm wichtig, um den ideologischen Diskurs der „There is no alternative!“ aufzubrechen. Und dies nicht beschränkt auf ein Mikro-Projekt, sondern eher als ein Bestandteil der Vision der Direkten Demokratie, welche die ganze Gesellschaft erfassen könnte. Auch in Griechenland ist dies alles nur ein Anfang bevor von einer tatsächlichen Ausweitung einer anderen tragfähigen Ökonomie gesprochen werden kann. Altbekannte Formen und Grenzen wie des bürokratischen syndikalistischen Betriebs oder Parteipolitik müssen aufgebrochen werden. Dennoch bedarf es einer europäischen und globalen Inbezugnahme auf diese Kämpfe, um sie zu stärken und um sie ebenso für die eigenen lokalen Kontexte produktiv zu machen. Warum sich damit verausgaben nur nach vermeintlich sinnvollen Perspektiven und Strategien Ausschau zuhalten, wo es doch reale Erfahrungswerte und progressive Kämpfe gegen Austeritätspolitik und die Repression von Oben bereits gibt?

Das Euromediterrane Treffen der Agora99 vom 1.-3. November in Rom und die internationale Blockupy Aktionskonferenz vom 22.- 24. November 2013 in Frankfurt sollten als Orte der internationalen Verabredungen genutzt werden, um gemeinsam mit den Genoss*innen aus dem Süden Strategien zu entwickeln und eine gemeinsame Sprache zu finden. Stichworte bei den Findungsprozessen sollten die Themen sein die uns alle betreffen: Organisierung, Aneignung und Verwaltung der Commons, ökosoziale Kämpfe, Rassismus und Krisenverarbeitung von rechts, staatliche Repression. Darüber hinaus stellt sich im Kleinen beispielsweise die Frage, ob auch im bundesdeutschen Kontext die Herausforderung der Unterstützung von VIO.ME angenommen werden könnte. Wäre es nicht möglich aus den Netzwerken wie des Mietshäusersyndikates, oder den zahlreichen gastronomischen Kooperativen und Kollektiven, Hausprojekten, Kiezinitiativen gegen steigende Mieten und anderen politischen Gruppen und Versammlungen ein Netzwerk zur direkten Unterstützung von VIO.ME aufzubauen? In Italien haben 39 Soziale Zentren einen Aufruf zur Unterstützung dieses Kampfes veröffentlicht1, was die Griech*innen zwar vorerst nicht materiell, aber mental stärkt.

Leser*innen sind gerne aufgefordert, uns über friendsofviome@riseup.net ein Feedback zu diesen Fragen zu geben. Mit einem größeren Kreis an Interessierten und Solidarisierenden könnten wir in eine Diskussion über die Möglichkeiten der Distribution jenseits griechischer Grenzen treten. Aber auch ein unterstützender Aufruf verschiedener Kollektive und verschiedener politischer Strömungen würde durch die Schaffung von Öffentlichkeit und der Information über diesen sozialen Kampf und die griechischen Verhältnisse einen konkreten Beitrag leisten. Nicht nur um das eine Projekt zu unterstützen aber um dabei vor allem die gegebenen Verhältnisse in Frage zu stellen und das Feld der klassische Solidaritätsbekundungen zu verlassen, die griechische Vision der Direkten Demokratie durch unsere Strukturen transportieren und in Aktion zu treten.

Unsere konkrete Solidarität gegen deren Austerität!
Sprengen wir das Europa der Herrschenden!

  1. http://www.viome.org/p/italiano.html [zurück]

Partisanin Giacomina Castagnetti „Wir bekommen nichts geschenkt und man muss wissen wo man hin will.“

- Gramsci schrieb in „Indifferenti“: Odio gli indifferenti. Credo come Federico Hebbel che „vivere vuol dire essere partigiani“- Ich hasse die Glüchgültigen. Wie F. Hebbel glaube ich, „dass leben heisst, PartisanIn zu sein. -

Aus einem Interview im Februar 2011 mit Giacomina Castagnetti.

Beginnen wir damit, dass du uns ein wenig erzählst wie deine familiäre Situation als Kind und als Mädchen unter dem Mussolini Regime war…

Ich bin am 11.November 1925 in einer bäuerlichen Familie geboren wurden. Das bedeutete, dass ein Patron uns ein Stück Land gab, wir es bearbeiteten und er sich dann eine Hälfte des Erarbeiteten nahm. Also musstest du immer für zwei arbeiten. Die Häuser von uns Bauern waren sehr weit voneinander entfernt, weshalb wir nicht viele Außenkontakte hatten und auch ein wenig isoliert aufwuchsen. Als ich auf die Welt kam, war mein Vater seit 3 Monaten tot. Meine Mutter hatte 8 Kinder alleine groß zu ziehen- 6 Jungen und 2 Mädchen. Zwischen meinen 6 großen Brüdern, wollte ich immer das Warum hinter allem verstehen wollen – vielleicht auch Dinge, die andere Kinder in meinem Alter noch nicht verstehen konnten.
Da wir weit draußen wohnten, musste ich jeden morgen 2km bis zur Schule laufen.
In den bäuerlichen Gebieten ging man nur bis zur 3. Klasse der Grundschule in die Schule, da es keine öffentlichen Verkehrsmittel gab, um in die anderen weiterführenden Schulen zu gelangen. Aber solange es Jungen in der Familie gab, gingen die männlichen Geschwister in die Schule, denn die Mädchen mussten zu ordentlichen, braven Ehefrauen für die Zukunft gemacht werden.
Im Winter, wenn man nicht draußen auf dem Land arbeiten konnte, schickte man mich zu den Nonnen. Bei den Nonnen lernten wir nicht wie die reichen Mädchen sticken. Uns lernten sie Hosen, Socken, Hemden zu stopfen. Denn das waren die Aufgaben einer braven Hausfrau. Das lernte man uns bei den Nonnen, nicht etwa das Lesen und das Schreiben. Und als junges Mädchen stellte man auch nicht die Frage, warum die Brüder in die Schule gingen um lesen und schreiben zu lernen.
Man begann mit 6- 7 Jahren zu arbeiten. Ich habe später gelesen, dass der Analphabetismus in dieser Zeit bei über 45% lag. Wir sind hier Anfang der 30er Jahre, genau dann als das faschistische Regime anfing über den Krieg und das Imperium zu denken.

Was waren für dich die Auslöser das Mussolini Regime in Frage zu stellen?

Ich begann nach dem Warum zu fragen, als ich noch in die Schule ging, also als ich klein war. In unserer Klasse hing ein großes Transparent mit Mussolini, welches erklärte, dass Mussolini immer Recht habe. Als ich nachhause kam und meinen Brüdern zuhörte, redeten diese komplett anders. Ich fragte mich warum? Das ganze multiplizierte sich, als wir zu Ostern auf den Platz gingen, wo alle Mädchen ein Geschenk bekamen. Aber ich habe nichts bekommen, weil ich nicht in der Organisation war und keine Uniform der „piccola italiana“ (Übers: „kleine Italienerin“) hatte. Ohne die Bedeutung dessen zu verstehen, war ich sehr wütend – ich denke das ist normal als Kind. Meine Mama erklärte mir, dass es kein Geld gab um mir die Sachen zu kaufen. Es kann sein,dass mich das ein wenig traurig machte, denn man wollte ja genauso zu den Anderen dazugehören. Später habe ich das Warum verstanden. Es war genau der Moment als Mussolini anfing die Jugend zu reglementieren – eine der hässlichsten Mechanismen des jungen Faschismus. Ab 3 Jahre wurde ein Kind in die Organisation figli della lupa („Kinder der Wölfin“) aufgenommen, dann in die Balilla und die Avanguardisti und ab 17 Jahren in die Giovane Fascista („faschistische Jugend“) wonach es dann kein Limit mehr bzgl.der Aufgaben innerhalb des fsachistischen Appartates mehr gab. Die Frauen und kleinen Mädchen, wurden zu piccole italiane und dann zu giovani italiane („junge Italienerinnen“) immer in Uniform. Alle sollten auf dem gleichen Weg bleiben, es sollte Niemanden geben, die anders denkt.
Und dann fing man an darüber zu reden, den italienischen Stiefel – das Imperium bis nach Afrika auszuweiten. Und ab da verstand man, dass die ganze Nation für den Krieg in Afrika vorbereitet wurde.Ich erinner‘ mich, als meine Mutter den Beitritt ihres Sohnes zum Krieg unterschreiben gehen musste. Wenn du das nicht gemacht hast, also deinen Sohn den Faschisten zu übergeben, warst du gebrandmarkt. Ich wusste nie wie viel Kraft sie das gekostet haben muss, denn sie hatte uns all die Jahre bis hierher alleine durchgebracht.
Eines Tages kam ein Faschist und erklärte wir müssen alle kommen um die Rede des duce zu hören. Es war im Jahr 1934. Meine Mama war die Familienernährerin und das Oberhaupt der Familie. Aber nach dem Recht konnte eine Frau nicht Oberhaupt der Familie sein, also gab es einen Tutor, der regelmäßig kam um nach uns zu schauen. Doch es war nicht er, der uns zu Essen brachte und für uns sorgte. Es war die Mama, die sich den Rücken kaputt machen musste, um uns was zu Essen zu organisieren. Aber nach dem Recht wurde unserer Mutter ihre Rolle als familiäres Oberhaupt nicht anerkannt. In anderen Funktionen musste sie aber durchaus diese Rolle wahrnehmen. Wir gingen dann also zum Patron um die Rede des duce zu hören. Ich war sehr aufgeregt, denn ich kannte kein Radio, da wir armen Leute so was nicht hatten. Ich hörte die Stimme, die von weit her kam. Als wir zurück gingen verstand ich erst den Ernst der Rede. In dieser ging es um den Anfang des Krieges in Afrika und meine Mama hatte Tränen in den Augen. Das verdeutlichte mir den Ernst der Lage und überschrieb die technische Begeisterung, die ich zuvor hatte.
In den nächsten Monaten gingen die Karten rum, um die Männer zum Krieg einzuziehen. Meine Mama hatte 6 Jungen. Und so kam auch bei uns eine dieser famosen rosafarbenen Karten – wie wir sie nannten- an, mein Bruder musste nach Bengasi in den Krieg ziehen und unsere Familie begann zu zerbrechen. Für mich dauerte der Krieg keine fünf Jahre, sondern er dauerte zehn Jahre. Alle mussten Alles bereit halten für den Krieg. Für uns war ein Topf ein elementarer Gegenstand, aber der Krieg sagte man müsse alles für den Zweck des Krieges opfern. Das schlimmste war, dass viele Menschen daran glaubten, dass uns der Krieg tatsächlich Wohlstand und Glück bescheren würde.
Im Winter trafen sich die bäuerlichen Familien in den Ställen. Das war das beheizte Wohnzimmer, dort war es warm. Das waren die Momente des Zusammenkommens. Ich erinner‘ mich mit einer großen Nostalgie an diese Tage und Momente in den Ställen, denn es kamen alle Freunde meiner Brüder und es wurde aus Büchern vorgelesen. Bücher gab es wenig, da die Faschisten sie auf den Plätzen verbrannten um zu zeigen, dass diese nicht der faschistischen Ideologie entsprachen. Einmal wurden Bücher vor dem Rathaus verbrannt und erklärt sie seien schlecht und hässlich. Und ich erinnere mich, als die Faschisten anfingen Häuser nach widerständigen, auffälligen Gegenständen zu durchsuchen, dass ich ein Buch meines Burders „Il padrone della ferriera“ unter einem Ziegelstein bis zum Ende des Krieges versteckte. Dieses Jahr haben mir meine Enkel dieses Buch geschenkt. Ich sage dir das, weil es mich sehr berührte.
Eines Abends im Stall wurde ernsthaft über Politik geredet und ich hörte zu. Sie sagten, dass der Krieg den armen Leuten niemals irgendetwas Gutes bringen würde. Das werde ich nie vergessen und ich habe diese Aussage bis heute immer mit mir getragen. Schon als Kind und bis heute sind diese Worte sehr erklärend für mich in meiner Denkweise. Es ist nicht so, dass ich alles verstand, aber durch diese Worte verstand ich warum meine Mama weinte.
Mein Bruder war immer ein Antifaschist. Ich hatte schon immer viele Fragen, denn zuhause wurde immer anders geredet, als in der Schule oder draußen. 1938 wurde mein Bruder festgenommen. Sie haben ihn mit ins Gefängnis genommen, haben ihn gefoltert und er kam halbtot wieder nachhause. Die nächsten zwei Jahre sollte er – ein junger Mann mit 28 Jahren- unter Spezialüberwachung bleiben. Er musste jeden abend um 6, halb7 zuhause sein.
Diese Zeit, war eine sehr hässliche Zeit. Meine Freundinnen kamen nicht mehr gerne zu uns nachhause, weil meine Familie gezeichnet war. Das tat sehr weh, wenn man so klein ist und deine Freundinnen nicht mehr zu dir kommen wollen oder dürfen.

Welcher war für dich der Punkt, als du dachtest ich muss mich organisieren, etwas machen, rebellieren?

Die Patronin wollte keine antifaschistische Familie haben, also mussten wir mit 15 Personen ein neues Zuhause suchen. Wir fanden ein neues Haus, ca. 15- 20km von unserem alten entfernt. Ich war 14, es war das Jahr 1939 und ich war sowieso schon wütend. In diesem Jahr starb auch meine Mama. Ich blieb da mit all meinen Brüdern. Ich war kein trauriges Mädchen. Ich war die Jüngste und wir waren eine harmonische Familie. Es waren die externen Gegebenheiten dieser Zeit, die mich traurig und bedenklich stimmten. Als wir unser neues Zuhause bezogen wussten die Leute schon wer wir waren. Dann kamen eines Tages zwei Leute – älter als ich- , die mich fragten, ob ich den Namen der Kommunistischen Partei Italiens kennen würde. Sie fragten mich ob ich ihnen mit dem soccorso rosso helfen könnte. Der soccorso rosso war wichtig, denn der Faschismus hatte viele AntifaschistInnen festgenommen und draußen blieb nur ein kleines antifaschistisches Netzwerk über, welche zwar noch Kontakt hatten, aber es gestaltete sich natürlich schwierig unter der enormen Kontrolle zu agieren. Die Leute, die in den Gefängnissen saßen, hatten draußen Familien mit kleinen Kindern ohne jegliche Unterstützung. Also gingen wir los um etwas Geld für sie zu sammeln, damit deren Kinder zumindest die Möglichkeit hatten in die Schule zu gehen oder andere Dinge zu finanzieren. Sinn des soccorso rosso war es also eine solidarische Hilfestellung zu organisieren.

Wie wurde das klandestin organisiert?

Ich war 14/15 Jahre, klein und mager. Ich bin mit dem Rad umher gefahren und niemand rechnete damit, dass ich so was machen würde. Auch mir war das nicht so ganz klar – und das sag ich weil es wirklich so war. Mein Bruder sagte mir wo ich hingehen sollte und ich zog mit meinem Beutel los. Ich dachte nicht mal daran, dass dies so nützlich sei. Man denkt, wenn man so klein ist, nicht an solch große Dinge. Ja und dann 1939 begann der große Krieg.

Wann hast du realisiert, dass es einen Kampf bedarf, ein Kampf der Frauen?

Eine realistische Tatsache, war die Basis all dessen. Wo waren all die Männer? Im Krieg. Und wer ist zuhause geblieben mit den Kindern? Die Frauen begannen mit einer sehr wichtigen Aufgabe. Wir lernten das Land zu bestellen, davor machten das die Männer. Wir lernten wann zu sähen ist, wann man ernten und verkaufen muss. Als der Krieg begann stürzte sich der Faschismus noch viel mehr auf all die Familien. Es ging alles an das Regime. Uns wurde der Weizen säckeweise weg getragen. Man ließ zwei Doppelzentner für die Männer und einen für die Frauen. Dann kam die Ausweiskarte. Das war sehr diskriminierend. Die Männer bekamen mehr als Frauen und Kinder zu essen. Frauen und Kinder gleich viel. Dabei waren es die Frauen die den ganzen Tag arbeiteten. Das ganze Gewicht der Familien lag auf den Schultern der Frauen. Alles ging auf die Kosten von uns Frauen.
Der duce brauchte produktive Fabriken. Also gingen viele Frauen in die Fabrik zum arbeiten. Tagelöhnerinnen gingen dahin, weil sie Hunger hatten.Das war der erste Schritt, denn als die Frauen in die Fabriken gingen um zu arbeiten, verstanden sie, dass sie im Stande waren viele Dinge zu verrichten und nicht nur die Mutter und Hausfrau zu sein. Und als der Lohn Ende des Monats kam, erfolgte die Erkenntnis, dass sie mit ihrer Arbeit die Familie ernähren konnte. Es hört sich vielleicht etwas moralisch an, aber man merkte, dass man etwas ‚zählte‘. In den Fabriken gab es nur einen Chef, also gab es viele Möglichkeiten sich zu organisieren und zu kämpfen. In den Fabriken konnte somit viel konzipiert werden für den Widerstand. Denn wenn es um die Arbeit geht, um die Ernährung der Familie kennen Frauen keine Grenzen. Sie haben eine unglaubliche Organisationsfähigkeit. Die Frau weiß sich zu organisieren, denn eine Familie zu organisieren ist sehr wichtig und bedarf sehr viel Organisationstalent.

Dann war dies also auch ein Moment eines neuen Bewusstseins für die Frau?

Ja, genau das war es. Ein neues Bewusstsein und das muss gesagt sein, war elementar.

Wie ging es weiter?

1941 kam das Todestelegramm eines unserer Jungen an. Er war 23. Ich erzähle hier was mir passierte, aber es ist ein Spiegel für das was tausenden von Familien passierte. Neben dem Hunger, stieg Hass und Wut in einem auf. Man fragte sich: Warum all das? Warum entscheiden zwei bis drei Männer, die sich vornahmen eine Achse zwischen Berlin- Rom- Tokio zu kreieren über all die anderen?

Als ich vor kurzer Zeit in Reggio Emilia sprach, fiel mir ein, dass eine Jüdin, die noch immer lebt sagte, dass dies in dieser Zeit der größte Friedhof der Welt war. Die Menschen starben in Afrika, in Griechenland, in Russland, in den Konzentrationslagern- überall. Und all das, weil diese 3 Menschen es schafften Massen von ihrer Verrücktheit zu überzeugen und zu organisieren. Und halten wir das fest; sie waren verrückt und trotzdem sind ihnen Millionen von Menschen gefolgt: Millionen! Und das merken wir uns! Heute – mit historischem Abstand- sagen wir sie sind verrückt, aber als Mussolini in Rom fragte „Wollt ihr den Krieg?“, bejahten dies die Leute jubelnd.
Ich sage diese Dinge heute, und unterstreiche sie, denn wir müssen verstehen, dass 50 Millionen Menschen in diesem Krieg gestorben sind, wegen solch eines Wahns.
Veronesi, ein Arzt der älter ist als ich, sagte; Hitler, Mussolini, Franco, -den aus Tokio kann ich nicht aussprechen- sind alles Männer. Wenn da Frauen gewesen wären, wäre dies nicht geschehen!
Ich bin keine Feministin. Ich sage wir müssen alle zusammen kämpfen. Aber der Veronesi hat Recht.

Sagst du der Feminismus ist ausschließlich ein Kampf der Frau?

Nein der Feminismus ist nicht nur ein Kampf der Frau. Eine Demokratie muss mit allen voran gehen. Es müssen alle gemeinsam kämpfen. Sagen wir es so: die Frauen haben einige körperliche Besonder- und Eigenheiten, sie sind die Mütter. Und die Gesellschaft muss sich dieser Besonderheiten bewusst sein. Eine demokratische, von mir gewollte Gesellschaft, muss sich der Besonderheit der Frau bewusst sein. Aber das waren zu diesem Zeitpunkt nicht meine elementaren Gedanken und Wünsche.

Das was mich anspornte war der 8. September 1943, als der Krieg für beendet erklärt wurde. Ich spürte, dass etwas getan werden musste. Glücklicherweise ging das nicht nur mir so, denn es gab kleine sich organisierende AntifaschistInnenkreise. Man darf nicht vergessen, dass wir alle müde waren, wir wollten, dass der Krieg vorbei ginge. Es war der Punkt an dem wir merkten, dass wir handeln müssen. Viele Soldaten kehrten zurück nach Italien. Italien war nach der Flucht des Königs und der Verhaftung Mussolinis in Niemands Hand. Die Soldaten bekamen keine Befehle, also kamen sie zurück in ihre Heimat. Und wen fanden sie dort? Die Deutschen. Ein Tag vorher waren sie noch Freunde, doch als sie ankamen waren sie Feinde. Man muss festhalten, dass die jungen Männer innerhalb von 24 Stunden eine wichtige Entscheidung treffen mussten: entweder in die Berge gehen und rebellieren oder geschnappt und nach Deutschland deportiert werden, um für den Krieg zu arbeiten. Die Frauen verstanden diese Sache. Wir fanden die jungen Männer und organisierten uns um ihnen zu helfen, sie zu verstecken oder ihnen zivile Kleidung zu geben. Mit dem wenigen was die Frauen hatten gingen sie los um zu helfen.Da war sie die Sensibilität der Frau ohne lange überlegen zu müssen. Man organisierte sich gegen die vielleicht größte Armee Europas- ja vielleicht der Welt. Niemand bedachte groß das Risiko, sondern es wurde gehandelt. Ab da begann ich stafette (Übers.: Botin) zu werden. Das wurde zur Normalität. Doch als man sich in die Berge aufmachte, fand man dort keine Kaserne, keine Mensa, wo man essen konnte, man hatte auch keine Kleidung um im Winter in die Berge zu gehen. Es musste alles neu organisiert werden.
Wisst ihr was Klandestinität bedeutet?
Eine Person allein schafft es nicht klandestin zu leben. Das geht nicht. Man braucht viele Sachen. Und sie in den Bergen wollten nicht einfach abwarten und sterben. Sie wollten, dass der Krieg endlich aufhöre. Das war der Wille und Anspruch vieler Männer und Frauen – und das war der Sieg der klandestinen Bewegung. Alle wollten handeln um des Kriegsendewillens und damit fand man eine Einheit, eine Atmosphäre die uns im Kampf beschützte.

Was waren deine Aufgaben?

Wir als Botinnen bewegten uns hin und her und hofften, dass man uns nicht entdeckte. Man brauchte Sachen, Essen für die PartisanInnen in den Bergen. Dann nach der Spontanität des 8. Septembers brauchte man eine Organisierung um zu entscheiden, wie es weiter gehen sollte und daraus entstanden die Gruppi della difesa della donna (Übers.: Gruppen zur Verteidigung der Frau) und ich hatte ein großes Einzugsgebiet und wir gingen los um die Familien nach Mehl, Sachen, Essen und anderen Dingen zu fragen. Paterlini schrieb in seinem Buch, dass wenn es die Frauen nicht gegeben hätte, es auch die Befreiung so nicht hätte geben können.
Dann wurde es natürlich auch für uns schwierig, denn die Faschisten verstanden die Rolle der Frau. Sie nahmen uns fest oder hielten uns an. Ich war mit dem Fahrrad 8 km von zuhause entfernt unterwegs, als sie mich anhielten und mir mein Rad wegnahmen. Wir haben uns sehr seriös verhalten. Sie sagten, wir dürften hier nun nicht mehr weiter durch. Nur um zu veranschaulichen wie schwierig es auch für uns Frauen als Botinnen war.

Aber man hört und liest nicht viel davon, dass Frauen verhaftet wurden oder was da passierte?

Es gibt ein paar wenige Aufzeichnungen. Für die Frauen in den Gefängnissen war das schrecklich. Die Malavasi1 erzählte mal von einer Frau, der sie im Gefängnis ihr Kind wegnahmen. Eine andere Partisanin überlebte alle Foltermethoden, mit den Hunden und alles. Die Folter an der Frau ist gräßlich, da sie die Intimität der Frau zerstörte. Es gab auch viele Tote und Erschossene Frauen. Viele Frauen, die ich nach dem Krieg kennenlernte litten an Folgeschäden oder waren gebrandmarkt von der Zeit der Folter im Gefängnis. Aber keine Frau verriet uns.

Wie viele Frauen, die sich den Gruppen der Verteidigung der Frau anschloßen wart ihr in deiner Region?

Man redet von ungefähr 9000, nicht allein in meiner Region sondern in unserem Landkreis.Aber dieser Zahl unterliegt ein großer Fehler; PartisanInnen waren wenige, aber auch all die Familien, die den klandestinen Kampf eineinhalb Jahre, mit zwei Wintern dazwischen unterstützen trugen enorm viel zu dem Kampf bei.

Warum war der Widerstand, vor allem auch der Frauen, in der Poebene so stark?

1944, als der Krieg einen bestimmten Rhythmus hatte, beteiligten sich auch die Frauen aus Bologna. Wir kannten die Gotik- Linie der Deutschen, die von einer Küste quer durchs Land zur anderen Küste führte und wir saßen ihnen direkt im Nacken. Ihr Plan war es hier in der Poebene Männer zum arbeiten in den Fabriken zu finden. Es begannen die Bombardierungen der Städte und so flüchteten die Leute aus den Städten aufs Land.
Als wir Frauen eine Kundgebung für Brot und Trinken organisierten, sollen wir nach Parterlini 2000 Frauen gewesen sein. Ich weiß nicht mehr wie viele wir waren. Normalerweise durften schon zwei Menschen nicht beieinander stehen, denn das wäre schon eine Versammlung gewesen. Man musste immer alleine gehen. Außerhalb der Stadt verabredeten wir uns und trafen uns vor dem Amt des Präfekten, wo heute der Corso Garibaldi und das Landratsamt ist. Dort trafen wir uns -alles über Mund-zu-Mund Propaganda. Nicht wie heute, wo man das ins Internet setzt oder per Handy weitergibt. Wir haben uns dort in 2000 zusammengefunden und man bedenke, was dies für eine Arbeit, klandestine, stumme Organisierung voraussetzte. Hier wurde deutlich: ein Stückchen Brot ist Politik- das ganze Leben, jeden Tag ist Politik!
Es ist nicht so, dass wir PartisanInnen waren und nicht daran dachten was danach geschehen sollte. Es gab politische Kommissare und eines Tages kam einer der Kommissare zu einer unserer Frauenversammlungen. Wir überlegten, wie wir dieses Zusammentreffen organisieren könnten ohne unsere Familien zu gefährden. Also trafen wir uns zu fünft oder sechst (die älteste war zwischen 22 und 26) unter einem Baum. Wir hatten eine starke Willenskraft wichtige Dinge zu tun. Und dann begann der Kommissar wichtige Worte an uns zu richten. Er sagte, dass die Frau zur vollen Bürgerin werden müsse, mit gleichen Rechten wie die Männer, ausgestattet mit dem Wahlrecht und das wir dafür zu kämpfen haben werden. Das sei der Weg der Emanzipation und der erste wichtige Schritt in diese Richtung, sei es den Krieg zu beenden. Danach würde der Kampf weitergehen.
Das war für mich ein sehr wichtiger Tag. Ich war 18 und nun eröffnete sich der Blick in die Zukunft. Ich hörte an diesem Tag das erste Mal von einer Demokratie, in der die Frau die gleichen Rechte haben würde, und dass dies der erste Schritt für eine demokratische, soziale Gesellschaft sein müsse: das Wahlrecht zu bekommen.

Was geschah mit dir, als der Krieg vorbei war?

Meine Familie war verwüstet wurden: wir hatten zwei Tote und einen politischen Gefangenen zu beklagen. Dann kam der Tag der Befreiung und ich erinner mich eigentlich an nichts mehr. Wir verblieben drei Tage um die Deutschen bei ihrem Rückzug zu beobachten. Unser Haus lag über einer Militärstraße, die nach Bologna führte. Ich beobachtete die Deutschen Wagen, die voll mit Verletzten und Toten wegfuhren. Das war übel mit anzusehen. Drei Tage lang passierten diese deutschen Wagen voll mit Verletzten mit einer Totenstille und hinterließen nur Rauch. Es war ein nicht enden wollender Fluss von Soldaten, die Richtung Deutschland zurück kehren wollten.
Als die Wagen mit den weißen Fahnen vorüber gefahren waren, ging ich in mein Zimmer und öffnete die Fenster. Seit 5 Jahren durfte man die Fenster nicht mehr aufmachen. Nach Sieben Uhr abends durfte man kein Licht mehr wegen möglicher Bombardierungen anmachen. Das schlimme am Krieg ist, dass nicht nur an der Front gebombt wird. Es war ein Krieg der Frauen, der Kinder, der Familien, denn im Krieg wird alles zerbombt.
Das ist das was ich vom Tag der Befreiung noch weiß.

Und wie ging es mit den Organisationen weiter?

Danach haben wir uns getroffen. Ich habe die Kette meiner Verantwortung nie reißen lassen. Ich wurde Stadträtin und das war erst schrecklich, denn ich wusste nichts von Administration und all dem Offiziellen. Aber als ich vor die Türe trat und wusste, dass da viele Frauen waren, die mich gewählt hatten, bekam ich Mut weiter für die Verteidigung der Frau zu kämpfen. 1948 wurde ich vor einer Fabrik festgenommen. Wir gingen dahin um die Arbeiter bei ihrem Lohnkampf zu unterstützen. Die Chefs nutzten den Hunger, und den Arbeitswillen der Leute aus. Denn wenn ein Arbeiter etwas nicht richtig machte, drohte der Chef mit Rausschmiss und dass draußen ja noch viele andere warten würden. Ich ging da hin um zu helfen und wurde verhaftet. Und da verstand ich, dass man niemals aufhören kann sich aufmerksam umzuschauen, Verantwortung wahrzunehmen und mit dem Kopf voran zugehen.

Wie ging es nach dem Krieg mit den Frauengruppen weiter?

Wir gründeten die Union der Frau (Unione Donne Italiane), die dann eine richtige Organisation wurde, in der zusammen mit den Männern für die Rechte der Frau gekämpft wurde. In den 50ern zog ich in die Berge. Hier war die Situation nochmal ganz anders als unten in der Stadt. Es gab keine Straßen und so ging ich zu Fuß von Dorf zu Dorf um mit den Frauen dort zu sprechen. Ich sprach mit ihnen über die Rechte der Frauen, denn es gab Frauen, die nicht von ihren Chefs bezahlt wurden. Dann kämpften wir in den Bergen um Wasser. Die Frauen mussten noch zu Fuß runter zum Fluß, um zu waschen. Also erkämpften wir, dass es in der Nähe der Häuser eine Waschstelle gab und hier trafen sich die Frauen beim Wasser holen und quatschten. Unsere Organisation war sehr wichtig für mich. Ich arbeitete viele Jahre für die Union und hatte 11 Komunen in meiner Verantwortung.

Ist für dich der antifaschistische Widerstand die Wurzel der Emanzipation der Frau in Italien?

Ja, aber die Entwicklung war nicht nur der Befreiungskampf. Die Frau emanzipierte sich auch im Haus, mit den Aufgaben der Familie im Krieg. Ihr wurde ihre gesellschaftliche Rolle und Bedeutsamkeit im Krieg bewusst. Ich sah vorher viele Frauen, die am Feuer in der Küche aßen, während die Männer bei Tische saßen und aßen. Es wurde klar, dass Emanzipation ein Kampf bedeutet, in dem man für sich selbst und seine Würde kämpft. Die Emanzipation begann damit, dass die Frau selbst bestimmte was sie macht, weil es ihr Weg ist.

Wenn man hier in Italien vom Widerstand redet dann wird davon gesprochen, dass die Frauen ‚nur‘ stafette also Botinnen waren, ist das eine sprachliche Unterbewertung im historischen Diskurs?

Ja ich spielte eine andere Rolle als die Malavasia, die in die Berge ging und kämpfte. Wir kämpften unten gegen die Gewohnheiten, gegen die ständige Angst vor den Faschisten. Man musste gegen die familiären und sozialen Gewohnheiten kämpfen, wenn man das machte, was ich machte. Der größte Kampf war es, als Frau in der klandestinen Bewegung mit zu arbeiten und nebenbei das normale Leben weiter laufen zu lassen um nicht aufzufallen.

Der Widerstand der Frau in dieser Zeit ist eine Basis die zu verteidigen ist oder?

Wir sagen nicht, dass der Krieg alles emanzipiert hat. Nein. In den Konsequenzen des Krieges begann man die Rolle der Frau und ihre Wichtigkeit zu verstehen. Aber wenn du schaust wie ich früher lebte und wie wir heute 60jahre später leben, hat sich sehr viel verändert. All die technische und soziale Entwicklung, in welcher auch die Frau, als eigenständige Person, mit eigenem Kopf die Kapazität hatte sich einzumischen. Die Frau musste zwei Kämpfe leisten; einen sozialen, wie alle und einen der Frau.
Die Geschichte läuft nicht so, dass alles irgendwann mal gleich sein wird. Wir bekommen nichts geschenkt und man muss wissen wo man hin will. Ich erzähle meine Geschichte euch jungen Menschen, denn es ist nicht viel was wir getan haben, wir sind keine HeldInnen, aber das was wir wussten war, dass es Sinn macht uns zusammen zu tun und vorwärts zu gehen. Es ist keine einfache Zeit gerade. In Italien haben wir eine ultra- rechte Regierung die Angst macht, aber es sind wir, die die Geschichte in die Hand nehmen müssen.

Mehr Beiträge zum europäischen Widerstand unter:
http://www.resistance-archive.org/

Für mehr schmutzige Hände! Who cares for you?

- eine Radikalkritik vom Standpunkt der Reproduktion –

Bemerkenswert ist, dass neben den vielen (General)Streiks und Kämpfen in und um Lohnarbeit zahlreiche andere Bilder und Kämpfe die Krisenlandschaft seit 2007 kennzeichnen. Kollektive Verhinderungen von Zwangsräumungen in Spanien; Platzbesetzungen in Athen und Madrid gegen die parlamentarische Herrschaft; Aufbau kollektiv, genossenschaftlicher Gesundheitszentren in Griechenland; Besetzungen und Schaffung von kulturellen Orten wie dem Teatro Valle in Rom. All diese Kämpfe in Südeuropa sind Kämpfe in und um Reproduktionsverhältnisse. Sie dienen als Wegweiser die gegenwärtige Krise nach ihren unsichtbaren Seiten zu befragen, sie eben nicht nur als eine Finanz- oder Schuldenkrise zu besprechen und um vor allem eine radikale Kritik – nicht zuletzt auch der politischen Ökonomie vornehmen zu können.
Reproduktionskrise beschreibt eine Krise der Reproduktion der Ware Arbeitskraft1, des Subjektes selbst. Akzeptanz findet die Verwendung des Krisenbegriffes häufig dann, wenn belegt ist, dass ein gewisses Phänomen eine Krise oder einen Widerspruch für das Kapital hervorruft. Wann dies der Fall ist, erklären uns beispielsweise die FreundInnen der Klassenlosen Gesellschaft in ak 580 kritisch, indem die gegenwärtige Krise eine Krise des Kapitals und des Staates sei, entscheidend also sei »die Spaltung der Linken in EtatistInnen und Antiautoritäre zu befördern«. Deren Kritik zielt auf vermeintlich verblendete Teile der radikalen Linken, die verkennen, dass die gegenwärtige Krise ein Moment der immanenten Logik und Sachzwänge der politischen Ökonomie ist. Das Kapital gerät periodisch in Krise und muss sich notwendig zulasten der Lohnabhängigen sanieren. Zustimmung gewinnen die FreundInnen meinerseits an dem Punkt, dass es um eine radikale Abschaffung des Lohnsystems gehen muss. Geschenkt ist ihre erste Kritik an Vorstellungen mit keynesianischen Regularien das System über den Haufen werfen zu können. Anerkennung sollte allerdings der kritische Einwurf der Leserin finden, dass die vorgetragene Kapital- und Krisenanalyse doch sehr zentriert auf am Ende doch: Lohnarbeitsverhältnisse ist. Keinerlei ‚Bemerkungen fanden die Zwangs- und Herrschaftsverhältnisse jenseits von Lohnarbeit, oder jene, die scharfe Ausbeutung durch Lohnarbeit häufig erst möglich machen. Real sozialstrukturelle Fakten, wie eine globale, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung bleiben unbeachtet. Vielleicht da man sich die Hände beim erneuten historischen Versuch die spezielle Vermittlung von Subjekt und Struktur radikal von links anzugehen und aufzubrechen zwangsläufig schmutzig macht. Und wie dies tun, wenn nicht an Interessen der Subalternen ansetzten, deren Mitglied mensch guter letzt doch selbst ist? Kein Wort verlieren die FreundInnen der Klassenlosen Gesellschaft zur Verfasstheit der Klasse(n) auch und speziell in der BRD. Sag mir wo du stehst? Her mit fundierten Klassenanalysen der gegenwärtigen Subalternen! Und wo bin ich darin?

Wenn festgestellt wird, dass „die proletarisierte Masse der Bevölkerung“ den Knüppel zu spüren bekomme da die Produktivkräfte weit entwickelt sind, verbleibt der Appell an praktische Konsequenzen zu denken und den Staat in der Kritik nicht zu vergessen doch verkürzt und eine alte Worthülle. Wenn es so ist, dass die Produktivkräfte- und dies reproduzieren wir alle Tag für Tag und genießen diesen Fortschritt – sehr weit entwickelt sind, so heißt es doch, dass all der Reichtum, den die fortgeschrittenen Produktivkräfte hervorbringen emanzipatorisch nach Bedürfnis und Notwendigkeit global umverteilt gehört! Derlei Umverteilungen können nicht institutionell geschehen, das hat Dario Azzelini ausgeführt (AK Nr. 581). Sind Institutionalisierungen nicht zu guter letzt verrechtlichte Materialisierungen, durch diese Form Bestandteil der Kapitalakkumulation aber dennoch ebenso Resultate der voran gegangenen außerparlamentarischen sozialen Auseinandersetzungen. Es muss um eine Verbindung und Vernetzung der Kämpfe von Unten, gehen, die sich nehmen, was ihnen zusteht. Beispielhaft hier die VioMe Fabrik in Thessaloniki, Griechenland. Arbeiter und GenossInnen, die selbstorganisiert in der besetzten Fabrik die Produktion wieder aufnehmen und es Diskussionen und Pläne darum gibt, wie man sich in die in den letzten Krisenjahren entstanden solidarischen Ökonomien in Thessaloniki und Griechenland einfügt. Trifft Produktion hier die Reproduktion? Viome produzieren Baumaterialien, wie Fugenkleber und anderes. Da es nun darum geht möglichst viel Material abzunehmen, um diesen selbstorganisierten Kampf zu unterstützen liegt hier viel internationalistisches Unterstützungspotential. Darüber hinaus sollten Bilder und reale Praxen hin zu einer bedürfnisgerechten Vergesellschaftung produziert werden. Durch und in kollektiven, widerständigen Praxen. Grenzüberschreitender Austausch von Erfahrungen, Versuche der kontinuierlichen Organisierungen über NoBorder Camps und – Netzwerke, M31 und Blockupy, die Agora99 und das social web sind schon Momente wodurch sich etwas wie eine konstituierende Macht mit transnationaler Perspektive europäisch und darüber hinaus erprobt und formiert. Es ist wichtig, dass all diese Bewegungen „auf das gesellschaftliche Imaginarium, auf Diskurse“ (Azzellini AK Nr. 581) einwirken und somit auf einen sozialen Transformationsprozess in der Krise. Selbstverständlich erachte ich es als notwendig sich in diese Prozesse als radikale Linke aus der BRD gehörig einzumischen. Darüber hinaus sind es unsere Stimmen, die aber, und hier würde ich Dario um erweiterte Betonung bitten, sagen wo die Reise mit diesen seltsamen TRANSFORMATIONSPROZESSEN hingehen soll: zum revolutionären Bruch oder der Lehre am Ende der Kritik der Religion nämlich „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“2

Wer Spaltungen derzeit als einzigen konkreten Vorschlag zu präsentieren hat, hat vergessen seine deutsche Brille abzusetzen. Verweisen nicht all die Bewegungen, Kämpfe, Krisen darauf, dass das Kapitalverhältnis oder Kapitalakkumulation mehr ist oder weiter begriffen werden sollte als jenes – die Lohnarbeit – die Mehrwert schafft? Und eröffnet diese Sicht nicht zahlreiche Perspektiven sich als Militante auch in der BRD einzumischen?

Und wir spielen alle mit…oder: ganz ungewollt mitten drin statt nur dabei
Der Begriff Reproduktionskrise versucht sich hingegen von zwei Seiten der Krise anzunähern: Wo gibt es Widersprüche und eine Krise des Kapitals; wie sieht die lebendige, subjektive Seite der Krise aus? Es braucht diesen linksradikalen, weiten Blick um eine militante Analyse und Praxis zu entwickeln. Widersprüchlichkeiten in der Reproduktion der Ware Arbeitskraft für das Kapital sind tendenziell durch das Engagement von mehrheitlich Frauen, »die allen Widrigkeiten zum Trotz ihre Familien reproduzieren«3 unsichtbar aber da. Möglicherweise ist diese Permanenz von Widersprüchlichkeit männlich- Sozialisierten weniger offensichtlich, genau wie die permanenten Grenzüberschreitungen an den Festungsmauern Europas für den Großteil der deutschen radikalen Linken nicht erfahrbar ist. Sozialstruktureller, gesellschaftlicher Druck lastet defacto unterschiedlich stark auf unseren Schultern, nicht nur durch heteronormative Strukturierung von wohnen, arbeiten, versichert- und abgesichert sein, Politik machen und leben. Subjektive Krisenmomente drücken sich in der zunehmenden Schwierigkeit – und dies all gender – aus, nicht mehr nur zwanghaft auf der Suche nach Verdingung in Lohnarbeit zu sein, sondern überhaupt die eigene Arbeitskraft und sich selbst wiederherzustellen.4 Die radikalkritischen Fragen müssen aufhören nur die Theorie zu befragen und mit Zitaten aus Aufrufen zu zitieren. Fragend muss es vorwärts gehen. Scheitern? Ja, sicher immer wieder. Als Sozialrevollutionärin leitet mich doch aber Passion und die Selbstermächtigung denn ich lebe, arbeite und demnach handele im Hier & Jetzt!

Wie wohne ich, wie arbeite ich die nächsten 12 Monate, Wer zahlt die Stromrechnung wenn sie kommt, Wer kocht das Essen heute Abend? Durch prekäre und neoliberale Lohnarbeitsverhältnisse, Abbau staatlicher Leistungen, öffentlicher Daseinsvorsorgen, Abbau freier Bildung, Privatisierungen etc. verschränken sich diese subjektiven Konflikte mit einer allgemeinen Krise gesellschaftlicher Reproduktion, wie dem Abbau sozialstaatlicher Sicherungssysteme oder öffentlichen Verkehrssystemen. Somit bezieht sich die Verwendung des Krisenbegriffes auf einen Widerspruch zwischen der Profitmaximierung des Kapitals und der Reproduktion der Ware Arbeitskraft und des Subjekts selbst. Die Verzahnung von Produktion und Reproduktion ist massiv gestört. Gabriele Winker zeigt, dass Reproduktionsmodelle in Krise geraten können, welche dank des patriarchalen Staates, der überall sozial spaltet, so organisiert sind, dass kapitalistische Vergesellschaftungsformationen funktionieren – wie wir wissen nicht reibungslos, aber dennoch funktionieren. Dass diese Störungen großflächig und global sind, zeigen die massenhaften gesellschaftlichen Selbstorganisierungen von Wohnraum, wie durch die Alexis Besetzungen in Rom im Dezember 2012 5, Gesundheit: zahlreiche Gesundheitszentren entstehen in Griechenland. Diese sind unterschiedlich in ihrer politischen Ausrichtung6: vom solidarischen Gesundheitszentrum in Thessaloniki, die sich aus dem Hungerstreik der MigrantInnen heraus organisierten und welche jegliche Vereinnahmung von institutioneller Seite abweisen, über die Syriza Gesundheitszentren, bis eben auch in rechtspopulistische und wie in Griechenland schmerzlich mitzuverfolgen neofaschistische Versuche.

Wenn über ein Drittel (das sind die offiziellen Zahlen) der griechischen Gesellschaft nicht mehr versichert ist, dann spielt es für die Menschen weniger eine Rolle nun die »richtige« Krisenanalyse zu haben, sondern es geht um die Praxis konkreter Militanz durch Vergesellschaftung von der Basis. Projekte, die in Griechenland aus dem Boden sprießen, wie alternativer Milchhandel oder Konsumformen, werden, weil sie dort stattfinden, aus deutscher Perspektive gelobt, würden sie doch hier als reformistische, nationalistische Politik abgetan. Neben der Suche nach der wahren Krisenanalyse von Teilen der radikalen Linken zwingen die Kämpfe jenseits deutscher Grenzen nach der Inblicknahme unsichtbarer Verhältnisse. Entlohnte und Unentlohnte Reproduktionsarbeiten müssen in den Blick genommen, werden, um einen radikalen Standpunkt in dieser Krise einzunehmen.7 Vor allem um eine Strategie und Taktik bestimmen zu können, die nationale Grenzen und Lohnarbeitsfetisch sprengen. Zudem bedarf es handlungsfähige Organisierung(en) – nicht zuletzt um die Krisenlandschaft nicht den FaschistInnen zu überlassen.

Strategie muss sich aus einer Analyse der Zusammensetzung der Subalternen, deren Teil wir selber sind, ergeben sowie einer radikalen Kapital- und Krisenanalyse. Die Kämpfe in Europa machen deutlich, dass das Kapital in Krise ist: in den Lohnarbeitskämpfen, in den vielen kleinen Brandherden in den Reproduktionsverhältnissen – den Lebensverhältnissen – und nicht zuletzt in den Massenprotesten gegen die EU- Krisenprojekte des Schnellzugstreckenbaus TAV in Norditalien und dem Eldorado- Gold- Projekt zum Ausbau der Goldminen in Nordgriechenland Chalkidiki. Letztere setzen klare Zeichen gegen die kapitalistische Zerstörung natürlicher Ressourcen und Lebensraum. Die Kämpfe um Wohnraum//Gesundheit//Bildung und gegen die weitere kapitalistische Zerstörung der Natur offenbaren die Krise der Reproduktion des Kapitals. Natürliche Ressourcen sowie unentlohnte Reproduktionsarbeiten sind ihrer Form nach nicht unendlich kapitalistisch in Wert setzbar. Das Feuer der derzeitigen Krise zehrt sich zu großem Teil aus diesem Brandherd.

Für mehr schmutzige Hände im Handgemenge.
Eine Strategiedebatte sollte radikal das Öffentliche ins Zentrum stellen und damit die Frage nach den Beni Comuni den gesellschaftlichen Gemeingütern. Eine Strategie die im Süden praktiziert wird und radikal private Eigentumsverhältnisse in Frage stellt. Dies könnte in einem Organisierungsprozess geschehen, sprich sich zu vernetzen und solidarisch verschiedene Kapazitäten zusammen zu bringen. Konsens und Konflikt sollen uns begleiten. Und dies sowohl nach Innen, in unsere Gruppendiskussionen und Prozesse, als auch nach Außen. Der Kapitalismus ist die Krise – Auch in unserem Alltag! Demnach sind auch unsere politischen Organisierungen, unsere Lebens- und Arbeitsverhältnisse nicht frei von Widersprüchen. Die radikale Linke in all ihren verschiedenen Farben sollte sich erproben und sich kollektiv in diese Widersprüche begeben nach innen und außen, bewußt ihrer Geschicht(en) und ständig nach Konsens und Konflikt suchen, um vorwärts zu kommen. Eine Debatte beispielsweise um die Forderung nach Kindergartenplätzen in der BRD- Linken würde gut tun. Ein spannendes Feld, um sich endlich in kritische Selbstbefragung mit den ostdeutschen GenossInnen zu begeben. Gerade um sich im Standpunkt kollektiv zu radikalisieren. Genug Zündstoff für den Konflikt ist da, wenn es nicht Konsens ist, dass das Thema der Grundsicherung ,die selbstverständlich bedingungslos sein muss, wenn man sie schon fordert, auf die Tagesordnung sozialrevolutionärer Organisierungen gehört und frau hingegen dem Vorwurf des Reformismus und Konservatismus ihren subjektiven Standpunkt vor Genossen einklagen muss, und ihre Bedingungen rechtfertigen muss, in die sie nun eben als Mensch ungefragt hineingeboren wurde.
Azzelini konstatierte, dass die Demokratie und Partizipation global in den Kämpfen der letzten Jahre als Bedürfnisse Ausdruck fanden. Ich halte fest, dass die Frage nach den – unseren – Bedürfnissen, eine leitende sein sollte in der Erprobung neuer Praxen gegen die Troika, gegen deren Europa, gegen das Kommando des Kapitals. „Die Autonomie der Bewegungen definiert sich nicht über die Ablehnung staatlicher Finanzierung oder Anerkennung. Vielmehr kommt es darauf an, inwieweit die Bewegungen ihre Autonomie in Organisation, Diskussion, Entscheidung und Agenda behalten und die eigenen Energien in den Aufbau von autonomen Strukturen der Selbstorganisierung und Selbstverwaltung investieren.“ (Azzellini AK Nr. 581) Wie es heute schaffen in kritischer Reflektion unserer eigenen (autonomen) Geschicht(en) real tätig zu werden in Selbstorganisation ohne in selbtbezogenen Szene- Volxküchen zu versumpfen? Wie breit andere Vergesellschaftungsformen alltäglich werden lassen ohne dabei ernsthaft den Patriarch Vater Staat um Erlösung zu bitten, sondern auch die Staatsform als umkämpftes Feld begreifen? Antiautoriäre linksradikale Politik muss Realitäten schaffen und darüber in der Zivilgesellschaft wirkmächtig werden. Der Staat ist ein Teil dieser Zivilgesellschaft. Denn sind wir doch vor allem aus deutscher Perspektive mal ehrlich, wenn der Staat etwas Gutes hierzulande brachte, dann sind das diverse soziale Absicherungen. Und wie meinen wir dies anders zu vergesellschaften, anders zu organisieren?

- anna dohm –

  1. Vgl. Gabriele Winker: Erschöpfung des Sozialen. Luxemburg Nr.4/2012. S.6-13 [zurück]
  2. Marx, Karl (1844): Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. MEW 1, S. 385 [zurück]
  3. Silvia Federici: Aufstand aus der Küche. Münster 2012, S.24 [zurück]
  4. Für Deutschland und den zunehmenden Schwierigkeiten Erwartungen in Arbeits- und Lebenswelt gerecht zu werden: Kerstin Jürgens: Deutschland in der Reproduktionskrise. In: Leviathan ##/2010, 559-587 [zurück]
  5. Matteoni, Federica (2013): Centri Sociali gibt es genug! http://jungle-world.com/artikel/2013/03/46954.html [zurück]
  6. Guter Überblick im aktuellen Express 3/2013 Nadja Rakowitz: Austeritätspraxen. Über gesundheitliche Nebenwirkungen der Troika-Politik in Griechenland http://www.labournet.de/internationales/griechenland/griechische_schuldenkrise-griechenland/krise-gr-all/austeritatspraxen-nadja-rakowitz-uber-gesundheitliche-nebenwirkungen-der-troika-politik-in-griechenland/ [zurück]
  7. Gerda Maler (Gruppe dissident Marburg) beschrieb in ak 552 Reproduktions- und Carearbeiten als Versorge-, Vorsorge-, Fürsorge-, Entsorge-, Besorge- und Umsorgearbeit. [zurück]

Italia non si governa! Italien regiert man nicht!

Über 4 Wochen sind nun schon vergangen seit den Wahlen Ende Februar in Italien. Das Ergebnis offenbart die (Dis)Funktionalitäten des einen Staatapparats, unter des Schein bürgerlich demokratischer Partizipation in der italienischen gesellschaftlichen Arena von Aushandlung, Produktion und Reproduktion. Die Regierungsbildungskrise in Italien ist nicht mehr und nicht weniger als einer ordentiche Ansammlung, Verdichtung, Materialisierung sozialer Antagonismen und realer gesellschaftlicher Konflikte und Widersprüche. Das solch eine unsichere nationale Konstellation im Staatenensemble der Europäischen Union für schlechten Wind und Besorgniserregung sorgt ist aus der objektiven Perspektive der Kapitalakkumulation offensichtlich. Im realen Alltag allerdings laufen die schon installierten Austeriätsmaßnahmen Montis auf Hochtouren. Die Regierungskrise ist ein alltägliches Unterhaltungsszenario, bremst aber keinerlei sozialen Druck.

Nach dem ‚gescheiterten‘ Einsatz der technischen Übergangsregierung in Figur Monti durch eine europäische, autoritäre Technokratenklasse zwingen die realen Fakten doch die Zivilgesellschaft weitergehend einbinden zu müssen. Es bedarf eines nationalen Konsensus um Austeritätsmaßnahmen unter Schuldendefizit weiter zu installieren. Es scheint eine Unmöglichkeit derzeit, aber solch ein nationaler Konsens muss gefunden, produziert und geschaffen werden. Hier leistet die Europäische Union ordentlich Druck. Dementsprechend hat der Präsident der Italienischen Republik Napoletano zwei Kommissionen von Spezialisten eingerichtet – ausschließlich männlich besetzt und der jüngste 52 Jahre alt- in denen mehr oder weniger von allen Parteien Intellektuelle vertreten sind, welche nun die Aufgabe haben das Unmögliche möglich zu machen: zeigen, „dass es möglich ist Italien zu regieren“, wie der Corriere della Sera heute am 02. April titelt.1 Dennoch Napoletano, der sich „alleingelassen von den Parteien“2 fühlt schlug Samstag vor, vorwärts mit Monti und diesen beiden Kommissionen. Eine noch nie dagewesene Situation in der Geschichte der italienischen Verfassung und Republik seit 1947/48. Die Wahlergebnisse machen eine Regierungsbildung derzeit nicht möglich. Zurück im italienischen Alltag: Große Debatten in Zeitung und TV, große Auftritte all dieser Männer, neben den .schönen. Fernsehsendermoderatorinnen zeichnen nun den Alltagssound in Italia. Als hätte MANN es auch nicht anders gewollt. Ja und sicher ist das Vorurteil in Italien sei immer alles in Krise und das daher analytisch nicht beschreib- und fassbar historisch belegt. Diese Show um den Premio in Italien geht weiter. Das alles läuft wie eine permanente Telenovela im Alltag mit. Und eines ist klar, so oder so – da gebe ich einem Teil des Titels einer Jungle World Ausgabe Ende 2012 Recht:„Es wird ein Mann!“ Dennoch in Italien findet die Krise in diesen politischen Kämpfen ihren Ausdruck, die stets ein Spiel oder besser Interessen- und Hegemoniekämpfe zwischen Institutionen und Zivilgesellschaft sind. Ja und leider stets und immer involviert der zweite Staat im Staate, die Mafiastrukturen.3 Die derzeitige Krise fand in Italien seit 2008 vor allem ihren Ausdruck in diversen Zuspitzungen von politischen, zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzungen: Die massenhaften Proteste „L‘Onda“ (dt. die Welle) gegen die Bildungs- Gelmini- Reform im Herbst 2008, die den Weg zur Privatisierung des gesamten Bildungssektors in Italien ebnete und welche den dann in Europa und darüber hinaus so oft gehörten Slogan „Wir zahlen nicht für eure Krise!“ prägten; Zum Jahreswechsel 2010/2011 verdichten sich die Stimmen gegen Berlusconi und seine Banden, gegen den ungehörigen sexistischen Backlash, der sich dank Berlusconis Inszenierungen und die seiner Freunde gesellschaftlich sanierte. Am 13. Februar 2011 folgten Hundertausende Menschen (http://bassrandale.blogsport.de/2011/02/25/panelavorolibertNa/) einer Basismobilisierung von Frauen* zu einem Aktionstag gegen Rassismus und Sexismus der Berlusconi Regierung. Quasi in allen mittelgroßen bis größeren Städten Italiens füllten sie die Plätze. Im Ausland gab es an diesem Tag global Aktionen von ExilItalienerInnen*. Partei oder Gewerkschaftsfahnen waren hier nirgendwo zu sehen. Eine Genosse sagte am morgen in Piazza des 13.02.11 in Milano etwa zu mir ‚Es sagt viel aus über den Zustand einer Gesellschaft, wenn Frauen* solch eine Mobilisierung machen‘. Der Rücktritt Berlusconis – sicher durch den Zwang der europäischen Union, sicher aber auch durch die starken zivilgesellschaftlichen Stimmen gegen diese Regierung und die Mafia. In Italien machte und macht sich die Finanzkrise anders bemerkbar. Nicht etwa durch den Fall italienischer Banken durch die sogenannten ‚Giftpapiere‘. Nein, denn für Menschen mit italienischer Familie in Italien ist es seit Jahrzehnten Gang und Gebe sich über das Haus und damit die Familie sozial abzusichern. Die nationale Ökonomie basiert eben auf diesem Faktum: der Familie mit Haus oder zumindest Wohnung als sozialer Stoßdämpfer. (Ich erspare mir an dieser Stelle den Einfluss der katholischen Kirsche als drittem Staat im Staate wenn man so will. Eben dieser sichert die ideologische Basis zur Sicherung dieses patriarchalen, heteronormativen Gefüges, welches wiederum dem Staat als Terrain der erweiterten Kapitalakkumulation zu Gute kommt.)
Nein die wahrhaft eklig giftigen Angelegenheiten sind die der zahlreichen Korruptionen und des Abflusses von Kapital durch mafiöse Kanäle. Eine Reihe von gerichtlichen Untersuchungen von Milano bis Palermo bringt derzeit ständig neues Licht in die „kolossale Sippenschaft korrupter Titel“4, die dem Schaden der Ökonomie Italiens ordentlich beitrugen. Das Land würde selbst ohne weitere korrupte Abflüsse noch Jahre Millionen zahlen müssen wegen verschiedenster rechtskräftiger Vertragsbindungen. In Milano konnten durch die Untersuchung und einen Gerichtsprozess, in welchem auch Banken, wie die deutsche Bank unter die Lupe genommen wurden ein Vertrag, den die alte Komunalverwaltung unter Rechtsführung von Moratti und Albertini abschloss, aufgehoben werden. Durch den neuen Bürgermeister Pisapia und den gerichtlichen Abschluss dieses Verfahrens hat die Stadt 455 Millionen Euro eingespart, die nun zumindest anderen Umverteilungen zur Verfügung stehen als mafiösen Immobiliengeschäften oder Drogenhandel.

Italien unter Druck
Durch die weitreichende globale Krise der kapialistsichen Produktions- und Reproduktionsweise vor allem im Maßstab der europäischen Union ist Italien nun gezwungen seinen enormen nationalen Schuldenberg zu bewältigen. In diesem Sinne: Monti ist gescheitert und auch nicht. Die neoliberalen Austeritätsmaßnahmen greifen und solange sich keine Regierung bildet bleibt er, und so ist es auch ausdrücklicher Wunsch des Präsidenten, im Amt. An der Spitze der Expertenkommissionen soll Monti Italiens Notfallmaßnahmen einleiten. Monti also, der bei den Wahlen Ende Februar in Italien mit seiner Partei am schlechtesten abschnitt.

Bisher wurde schon durch die Gelminireform der komplette Bildungssektor letztlich der Privatisierung frei gegeben, die sozialen Gesundheitsabsicherung sind zwar generös für Menschen mit italienischer StaatsbürgerInnenschaft, dennoch dauert es bei spezielleren Untersuchungen meist Monate und Jahre bis man öffentlich einen Termin bekommt. Dies zwingt beispielsweise und im Besonderen Frauen* dazu Monographien oder anderes privat zu zahlen, wenn sie können und gesundheitlich und letzlich gezwungen durch Lohnarbeit nicht 2 Jahre auf einen Untersuchungstermin warten können. Der Schienenfernverkehr, der in der Krise ordentlich ausgebaut und auf Schnellstreckenverkehr ausgebaut wird schränkt sie Mobilität radikal ein. Durch die Umstellung auf Schnellzüge wie Freccia Bianca und Freccia Rossa ist vielen GenossInnen die Bewegungsfreiheit, die es einst, noch vor 5Jahren gab genommen. Die Möglichkeit häufig auch unter den Augen der KontrolleurInnen große Strecken ohne Fahrschein zu passieren ist in den neuen Hight- Tech- Zügen quasi unmöglich. Die Tickets kosten das doppelte, der alten Intercityzugtickets – klaro dafür sind die jetzigen Züge auch fast doppelt so schnell unterwegs.Hier unter anderem durch das Engagement Montezemolos- dem Chef Ferraris, dessen Investitionsentscheidungen in den letzten Jahren markant in den Schienenverkehr geleitet wurden, und nicht zuletzt zahlreiche neoliberale Maßnahmen bzgl. der Arbeitsmarktregulation. Der Markt ist durchprivatisiert und jede und jeder ist ihres/seines eigenen Glücks SchmiedIn. Hinzu kommen nun die Belastungen der Zwangsbesteuerungen – und Steuererhöhung im Zuge der Krise. War es einst mit italienischen und auch europäischen Papieren möglich sich flüssig zu halten; sprich sich durch Jobs und Projektarbeiten über Wasser zu halten und Geld zu verdienen,so gestaltet sich dies immer schwerer. Es gibt keine Arbeit. Zudem drücken ganz reale Existenzfragen wie eben die Häuser- und Wohnfrage. Die Mieten liegen in den Städten Italiens auf einem Niveau vielleicht vergleichbar mit Hamburg oder München in der BRD.
Da das nationale Bruttoinlandsprodukt in dieser Krise nicht bemerkbar steigt, zehren sich die ökonomischen Austauschprozesse in Italien aus dem gut Angesparten der ItalienerInnen und der radikalen Ausbeutung junger Prekärer und zahlreicher unsichtbarer ArbeitsmigrantInnen. Sprich die Subalterne spürt den Knüppel des Kapitals in Italien schon gewaltig, wenn sicher nicht vergleichbar mit Griechenland.

(kleine Schreibpause und auf zum Zug gen Rom. Leider in diesen blöden neuen Zügen, die mich ans reisen in der BRD erinnern, was ich ja auch mag….ABER: warum muss ich nun hier in Italien, wo ich doch die Reisen in den alten Intercityabteilen, mit permanter Rauch und Konversationsmöglichkeit im Gang so liebte, das Gefühl haben in einem ICE durch Italien unterwegs zu sein? – Hach.) –

Italia – Non e un paese per le donne.
Nachdem die Wochenzeitschrift Internazionale eine Ausgabe 2010 so veröffentlichte5, erscheint nun im politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Wochenmagazin L‘Espresso ein Artikel mit dem gleichen Tiel „Dies ist kein Land für Frauen“.von Roselina Salemi.

Internazionale Cover Nr.784// 2010

Aktuelle Befragungen ergaben, dass die unglücklichsten die italienischen Frauen in Europa sein, so Salemi. Der Global Gender Gap Report des World Economic Forum mit Sitz in Genf ergab, dass die Gehaltsunterschiede Italiens teils schlechter als die in Ghana oder Bangladesh sein6. Die Autorin verweist hier auf Regionen wie Campania in Süditalien, wo der Anteil der weiblilchen Beschäftigung bei 20,4 % liegt (ebd.). Der Traum der ‚befreiten Frau*‘ alla Sex and the City ist dazu verdammt ein solcher zu bleiben, wo real über die Hälfte der Frauen* verschuldet sind. In Italien ist für 43% der befragten Frauen die Karriere ein wichtiges Lebensziel um glücklich zu werden, höhere Werte zeigten sich nur in Polen und Russland.7 Salemi führt das in ihrem Artikel zentral auf die Funktion von Lohnarbeit in Italien zurück. Der Unterschied zu den anderen Ländern sind die sozialstrukturellen Bedingungen, die Beteiligung überhaupt erst real werden lassen können. Wie in anderen Ländern auch muss frau* in Italien stets entscheiden zwischen Familie, Karriere oder „akrobatische Mama“ (Elena Rosci) werden. Gefragt werden sollte spätestens in dieser Krise und wenn denn ständig die Rede um die ökonomischen Verhältnisse ist, nach den unsichtbaren Seite der Krise, den unsichtbaren Seiten der Lohnarbeit, den unsichtbaren ökonomischen Verhältnissen. Sicher erleuchtet das nicht die gesamte Krisenarena, es würde aber eine sehr viel größere Arena ausleuchten, als das Licht der radikalen Linken derzeit noch wirft. Eben die, wenn auch vorwärts schreitend noch immer verharrt und nach dem eifrigen Arbeiter am Band und der Lohnarbeit nur fragt.
In den aktuellen Befragungen ergab sich, dass in Italien „71, 3% der familialen Arbeit auf den Schultern der Frauen lastet und im Haus passiert. Lediglich 19,4 % der Männer (letzte Eurispes Umfrage).stellen die Waschmaschine an“8. Ein aktueller Report im Auftrag der italienischen Institute Inps, Istat und dem Arbeitsministerium ergab, dass eine Mutter mit Kindern und Beschäftigungen einen alltäglichen Marathon von 9 Stunden und 28 Minuten zu meistern hat. Eine Stunde und 15 Minuten mehr als der Mann.9 Sollte dann hier nicht nach dem Warum gefragt werden? Und ob dies nicht eine strukturelle Funktion hat? Die dargelegten Fakten verschränken sich mit dem statistischen Ergebnis, dass Italien ebenso eines der Länder ist mit dem niedrigsten Niveau an männlicher Teilzeitarbeit (etwas mehr als 5%). Frauen geben häufiger schlechte Bewertungen ab als Männer bei der Frage nach der Vereinbarhung von Leben und Beruf so eine weitere Studie der Wirtschaftsuniversität Bocconi Milano. Die Hälfte der Diskriminierungen (23%) so weiter, betreffen Frauen und zwar bezüglich ihres Geschlechts.10

Wie die Regierungsbildung aussehen wird ist unklar. In den nächsten Wochen wird wohl Monti und damit das Kommando der Europäischen Union zumindest auf der Ebene der institutionellen Politik das Sagen haben. Im italienischen Alltag drehen sich die sozialen Zuspitzungen spiralförig stetig weiter zu. (mehr…)

::Schluss mit der Tragödie::

…habe ich shcon erzählt von dem mal wieder sehr schönen theaterausflug.?
mal wieder hamburg: Schauspielhaus// Neues vom Dauerzustand (R. Pollesch).
ja prägnanter Ausflug mit Margit Carstensen, Christine Groß, Leonie Hahn und Sophie Rois in die vielen zentralen Fragewelten von gestern.heute.morgen. In typischer manier, auch nicht zusammenhängend. Theater, was sich jeglicher Interpretation entziehen will und doch so viele fragen und interpretationsfolien aufwirft.

„Schluss mit der Tragödie! Wie melodramatisch ist doch der Gedanke, man hätte sein Leben versäumt. Es wäre an einem vorbeigegangen, oder man wäre gescheitert. Normalerweisenutzt man das Scheitern als Beweis dafür, dass Großartige auf dieser Welt scheitern muss, so als gäbe es noch eine andere Welt. Nein! Das hier ist diebeste aller Welten. Die Tragödie und das Drama lässt alles nur der Selbstachtung zugute kommen.“

…einiges an Stoff was sich hier dem Ohr, Auge, den Sinnen bietet.
Sophie Rois glänzt mit ihrer straffen Inszenierung zwischen den Geschlechterrollen…hach.